Da sind wir nun, ich und Kommissar Adamsberg. Wir sind uns als völlig Fremde begegnet, beinahe zufällig - weil jemand meinte, die Bekanntschaft könnte, zumindest für mich, förderlich sein. Also bin ich dem guten Kommissar entgegengetreten, und zwar ob vieler Vorschusslorbeeren eher skeptisch bis neutral. Doch nun werde ich ihn nicht mehr los, und das überrascht mich dann doch. Zumal es in diesem Fall um ein Thema ging, das ich in einem ernsthaften Krimi eher nicht erwartet hätte: Vampire. Ausgerechnet.
Der große Vorteil bei diesem Buch ist allerdings, dass man (so finde ich) gefahrlos über den Inhalt reden kann, weil dieser sowieso nicht (!) den immensen Reiz der Geschichte ausmacht. Von der reinen Kriminalhandlung her würde ich das Buch zwar als gut, aber doch nicht überragend gut bezeichnen. Mehrere Menschen werden im wahrsten Sinne des Wortes "pulverisiert", zermalmt, zerhackt, und in ihrer Wohnung verstreut, so dass kein Teil mehr zum anderen passt. Und ein wenig später stellt sich zufällig heraus, dass diese Geschehnisse mit einem seltsamen Fund auf dem berüchtigten Friedhof Highgate in London in Zusammenhang stehen. Dort standen nämlich 17 Füße samt Schuhen vor dem Tor. Oder sollte man sagen, Schuhe samt Füßen? Wie dem auch sei, Adamsberg war aufgrund einer internationalen Konferenz just zu dem Zeitpunkt in London, als der besagte Gammelfleisch-Skandal um die ominösen und herrenlosen Füße in Erscheinung trat. Ferner erkennt ein Mitarbeiter seiner Truppe später einen Fuß (samt Schuh), bzw. Schuh samt Fuß als den eines Verwandten aus Serbien. Schon ist die Verbindung hergestellt, und Adamsberg wird, halb aus Neugierde, halb aus Instinkt, in die Geschehnisse hineingezogen. Da die Ermittlungen vor Ort in Frankreich nicht recht vorangehen wollen, macht Adamsberg sich auf zu den Wurzeln des Übels, dem serbischen Dorf im tiefsten Transsylvanien, wo alles seinen Anfang nahm...Kiseljevo...
Eines sei jedoch gleich vorweg gesagt: in diesem Buch wird nicht (!) die Frage beantwortet, ob es Vampire nun wirklich gibt oder nicht. Und genau das fand ich großartig! Der Sachverhalt wird gerade eben so in der Schwebe gehalten. Für die Verbrechen war allein ausreichend, dass es jemanden gab, der an Vampire glaubte, und der sich in der Mission sah, sie bis ins letzte Glied auszulöschen. Dennoch nimmt die Schriftstellerin ihr Thema insofern ernst, als sie profund recherchiert hat. Vor allem Land und Leute sowie die Umgebung in Serbien, samt vielerlei lokaler Mythen und Eigenheiten, hat sie sehr authentisch zum Leben erweckt. Und auch die wahrlich "sagenhaften" Geschehnisse um den Friedhof Highgate hat sie ganz unangestrengt in die Geschichte eingestreut, gut dosiert, so dass das Ganze eine packende, doch nicht übertriebene Mischung ergab.
Doch das war für mich noch immer nicht das eigentliche Faszinosum an diesem Buch! Es war, schlicht und ergreifend, dieser Adamsberg, seine Truppe, die vielen schrägen Dialoge, die unerwarteten Wendungen, der Wortwitz, die Sprachbilder. Sogar einen "running gag" gibt es im Laufe des Buches, und zwar das Wort "Plog!", welches an allen möglichen und unmöglichen Stellen auftaucht. Mehr verrate ich dazu an dieser Stelle aber nicht!
Schon allein auf den ersten 80 Seiten hatte ich mehrere ausgewachsene Lachanfälle, und das bei diesem Thema, das will doch etwas heißen! Adamsberg passt vom Charakter her wirklich in keine einzige gängige Schublade. Er stellt Dinge an, bei denen man nur noch den Kopf schütteln kann, wobei man aber fast gegen den eigenen Willen lachen muss. Manchmal sind seine Aktionen wahnwitzig, manchmal tollkühn, manchmal auch einfach verschmitzt bis liebenswert. Adamsberg hat einen ausgeprägten Sinn für gutes Essen und hübsche Frauen, und wenn dann auch noch beides in Kombination auftritt, wie in dem Gasthof in Serbien, dann ist er nicht mehr zu halten.
Adamsberg wird in diesem Buch beileibe nicht zum Helden stilisiert. Mehrfach glaubt er, sein letztes Stündlein habe geschlagen - gut, manchmal provoziert er dies auch. Aber letztlich wird dem Leser klar, nur so konnte es gelingen, diesen Fall auch nur ansatzweise aufzuklären. Denn hinter aller Tollkühnheit steckt bei Adamsberg doch ein wacher Geist und eine unglaubliche Kombinationsgabe.
Ich bin derart begeistert von dem, was ich hier lesen durfte, dass eine unmittelbare Sogwirkung eingesetzt hat. Von wegen, Fred Vargas nur eine weitere Kriminalautorin unter vielen! Pah! Jetzt erst kann ich Denis Scheck verstehen und beipflichten, der - und das ist für ihn ein wahrhaft großes Lob - zu diesem Werk sagte: "Ein gutes Buch!"