Der Journalist Roberto Saviano hat jahrelang im Milieu der organisierten Kriminalität seiner Heimatstadt Neapel, der Camorra, recherchiert, dies ist sein Bericht.
Die Clans der Camorra, bilden die größte kriminelle Organisation in Europa.
Das Denken der Camorra-Bosse ist radikaler Neoliberalismus; leben um wirklich zu herrschen, ist das Einzige, was zählt. Dafür wurden 3600 Menschen zwischen 1979 und 2005 ermordet.
Seit 1991 wurden in der Region Neapel 71 Gemeindeverwaltungen abgesetzt und unter staatliche Aufsicht gestellt, weil sie von der Camorra unterwandert waren.
Alles was anderswo, wegen Gesetzen, Tarifverträgen, Marken- und Patentschutz unmöglich war, konnte man in Neapel bekommen. Die Clans hatten die Textil-,Schuh- und Lederindustrie organisiert.
Mit traditioneller Schutzgeld-Erpressung, hält man sich heute kaum noch auf, sie ist durch effizientere Methoden, wie Preisabsprachen, Vertriebsmonopole, Wucherzinsen und Betriebsübernahmen ersetzt worden.
Die Camorra brachte den Drogenhandel in Schwung, indem sie jedermann am Geschäft mit Kokain teilnehmen ließen. Der Rentner, der seine Rente dem Vermittler des Clans anvertraute, konnte nach einem Monat mit der Verdoppelung seiner Einlage rechnen. So machte ein Clan, durch Drogenhandel, einen Umsatz von € 500.000 pro Tag. Die Dealer werden wöchentlich mit Festgehältern bezahlt. Ein Schmiere-Steher erhält € 100, der Kassierer € 500, der Pusher € 800, wer Drogen zu Hause lagert € 1000. Beim Produzenten kostet 1 kg Kokain € 1000, beim Großhändler € 30.000. Nach dem Verschnitt, werden aus daraus 5 kg mit einem Marktwert von € 500.000. Der Verschnitt bestimmt die Qualität. Schlecht gestrecktes Rauschgift, bedeutet tote Konsumenten, Polizei, Verhaftungen, ist also Geschäftsschädigend. Ob der Verschnitt verträglich ist, testet man zunächst an menschlichen Versuchskaninchen. Hierzu melden sich Süchtige freiwillig.
In der Müllentsorgung ist die Camorra führend in Europa und strich in 4 Jahren € 44 Milliarden ein. Selbstverständlich läuft auch dieses Geschäft nicht auf legale Art. Giftmüll wird mit normalem Müll gemischt, Begleitpapiere manipuliert, Kontrolleure geschmiert. Das Hinterland von Neapel ist mit Müll zugepflastert. Von 2000 bis 2005 wurden 3 Millionen Tonnen Müll illegal entsorgt. Ist eine Mülldeponie voll, wird sie angezündet um wieder Platz zu schaffen. Bei diesen Bränden wird die Umgebung mit Dioxin verseucht. Es wurden auch Fässer mit radioaktivem Müll, vor Somalia, im Meer versenkt, Gießereiabfälle mit Kompost vermischt und damit Felder "gedüngt".
Die Auseinandersetzungen unter den Clans, werden ausführlich geschildert, bis hin zur Beschreibung von bestialisch zugerichteten Mordopfern. Beim Morden geht man durchaus differenziert vor. Das Spektrum reicht vom Mord mit "Feingefühl", als notwendiger chirurgischer Eingriff, durch einen Kopfschuß vollstreckt und keine erbitterte Feindschaft signalisierend, bis zur völligen Auslöschung durch hunderte von Schüssen.
Nach dem Fall des "Eisernen Vorhangs", ergriff die Camorra die Gelegenheit, ihre Arsenale in Osteuropa aufzufüllen. Aus den Beständen des dortigen Militärs, beschaffte man sich Gewehre, Panzerfäuste und Handgranaten. Man bezahlte die Offiziere und Wachmannschaften und hatte mit den Kasernen die idealen Waffenverstecke. Durch diese Beziehungen, wurde die Camorra zu einer Top-Adresse im internationalen Waffenschmuggel. Kunden sind u.a. die baskische ETA und kolumbianische Guerrilleros.
Offensichtlich ist die Camorra in weiten Teilen der Bevölkerung Neapels akzeptiert. So randalierten hunderte Frauen gegen eine Razzia der Polizei, bewarfen diese und zündeten Müll-Container an. Sitzt ein Clan-Mitglied im Gefängnis, zahlt der Clan seiner Frau oder Freundin eine monatliche Unterstützung, was die Clan-Mitglieder für viele Frauen attraktiv macht. Wie es Leuten ergeht, die gegen die Omertà, die "Mauer des Schweigens" verstoßen, wird am Beispiel einer 35-jährigen Kindergärtnerin gezeigt. Als diese zufällig Zeugin eines Mordes wurde, schlug sie nicht die Augen nieder, wie alle anderen Anwesenden, sondern ging zur Polizei und identifizierte den Täter. Daraufhin wurde sie von ihrem Verlobten verlassen, verlor ihre Arbeitsstelle und ein Teil ihrer Familie distanzierte sich von ihr. Heute muß sie von staatlicher Unterstützung an einem geschützten Ort leben.
Ergreifend schildert Saviano auch das Schicksal des Pfarrers Don Peppino Diana, der es gewagt hatte, die Camorra von der Kanzel herab anzuprangern und dafür in seiner Kirche erschossen wurde.
Roberto Saviano stemmt sich der Macht der Camorra entgegen und nennt in diesem Buch unzählige Verbrecher mit vollem Namen, Wohnort und ihren Untaten. Anders sei für ihn ein menschenwürdiges Dasein nicht möglich. Da er genau weiß, was ihn erwarten könnte, eine heldenhaft konsequente Einstellung.