Leser-Rezension zu „Mein Jahr als Mörder” von Friedrich Christian Delius
am 18.07.2010
Am Nikolaustag des Jahres 1968 hört ein Westberliner Student im Radio von dem Freispruch des Nazirichters R. Er wird sofort hellhörig, denn ebendieser R. hat den Vater eines Freundes, den Arzt Georg Großcurth, 1944 zum Tode verurteilt. Großcurth war im Widerstand aktiv, seine Frau Anneliese ebenfalls. Der Student und Ich-Erzähler fasst einen Entschluss: Er wird R. umbringen und somit dem Recht zur Durchsetzung verhelfen.
Entgegen meiner Erwartungen, die vor allem durch Titel und Klappentext geweckt wurden, geht es weniger um konkrete Mordplanungen oder gar die Tat selbst. Viel eher wird die Geschichte Großcurths und seiner Frau Anneliese nacherzählt. In einem weiteren Erzählstrang geht es um Annelieses Bemühungen, im Nachkriegsdeutschland die Leistungen vor allem ihres Mannes anerkannt zu sehen. Doch stattdessen wird sie als Kommunistin gebrandmarkt, was im Westberlin der 50er Jahre ein schwerwiegender Vorwurf mit handfesten Konsequenzen ist. Nur ein kleiner Teil des Buches spielt eigentlich in der „Gegenwart“, also Ende der 1960er Jahres.
Mir hat das Buch gut gefallen, insbesondere auch die Sprache, in der es geschrieben ist. Das einzige sprachliche Manko war allerdings, dass die Dialoge manchmal etwas hölzern bzw. konstruiert wirkten. Ansonsten sollte man eben nicht mit den Erwartungen an das Buch herangehen, dass hier eine Art Krimi erzählt würde mit Verfolgungsjadgen etc. Stattdessen bekommt man eine Erzählung aus einer Zeit, aus der ich jedenfalls noch recht wenige Romane gelesen habe. Sehr viele spielen ja während der Nazizeit oder in den Jahren direkt nach dem Krieg, aber wie es den Widerständlern und ihren Hinterbliebenen in den 50er und 60er Jahren ergangen ist, darüber liest man recht wenig. Wer sich für diese Zeit interessiert, der sollte „Mein Jahr als Mörder“ lesen.
Kommentare zu dieser Rezension
Holden vor 8 Monaten
Hallo Gelöschti, tolle Rezension von dir, hat mir besser gefallen als meine, wirst du vielleicht im Internetnirwana mal erfahren.


