Inhalt:
Das kleine Dorf Güllen hat schon bessere Zeiten gesehen, es ist verarmt und verlottert immer mehr und mehr. Dass Claire Zachanassian, die berühmte und reiche Tochter des Dorfes, ihrer Heimat einen Besuch abstatten möchte, kommt da gerade recht.
Und tatsächlich: Die exzentrische Claire bietet Güllen eine Milliarde! Unter der Bedingung, dass Claires ehemaliger Liebhaber Ill getötet wird.
Wie werden die Bewohner des idyllischen Dörfchens auf dieses Angebot reagieren?
Meine Meinung:
Ich habe Dürrenmatts "Der Besuch der alten Dame" aus Interesse gelesen und nicht, weil ein Lehrer es mir aufgebrummt hat. Deshalb ist diese Rezension auch frei jeglicher Interpretationen. Es liegt nicht in meinem Sinne zu ergründen, weshalb Claire Claire heisst und andere Fragen dieser Art zu lösen.
"Der Besuch der alten Dame" ist ein gelungenes Psychogramm unserer Gesellschaft. So zeigt Dürrenmatt, wie sehr uns Menschen die Gier anlastet und was Groll und Trauer aus uns machen können.
Da mich Titel dieser Art sehr faszinieren, habe ich das Buch mit grosser Aufmerksamkeit gelesen und obwohl es schon ein älteres Werk ist, hat es doch nichts von seiner Aktualität verloren. Diese kritische Analyse des menschlichen Handelns und Denkens ist zeitlos.
Dass das Buch dazu auch noch witzig ist, macht "Der Besuch der alten Dame" zu einem Klassiker, der weder verstaubt, noch öde ist.
Das Thema des Buches ist tatsächlich kein einfaches. Hat Claire das Recht, eine solche Forderung zu stellen? Und würden wir uns anders verhalten, wenn auch wir Güllener wären? Wie viel Geld braucht ein Mensch, um über dem Gesetz zu stehen?
Das Theaterstück bietet somit viel Gedankenfutter und wird einen nicht so einfach wieder loslassen.
Es ist nicht immer leicht, ein Theaterstück zu lesen. Zu oft verfängt man sich in den einzelnen Rollen und verliert den Überblick darüber, wer nun was gesagt hat. Nicht so bei Dürrenmatt: Jede Figur hat ihre ganz eigene Sprache und Stimme, sodass die Orientierung überaus leicht fällt und man das Stück gut in einem Zug durchlesen kann.
Natürlich kommen auch hier Szenen vor, in denen das Lesen nicht so flüssig ist, wie man es gerne hätte, doch im Vergleich mit anderen Stücken, die ich gelesen habe, ist Dürrenmatt ein angenehmer Stoff.
Die Diogenes-Ausgabe, die ich besitze, ist mit zusätzlichem Material ausgestattet. So beinhaltet das Buch eine abgeänderte Fassung des dritten Aktes, ein Glossar (das ein weiteres Mal den Witz des Autoren aufzeigt) und Anmerkungen Dürrenmatts.
All dies hilft dabei, sich im "Alte Dame"-Kosmos zurecht zufinden und statten den Leser mit weiteren hilfreichen Hintergrundinformationen aus.
Fazit:
Ein wahrlich kluges Werk über die Welt, in der wir leben. Ein Buch über das Gute, das Böse und alles, was dazwischen liegt. Natürlich auch ein Buch über Geld und Macht.
Klassikerfreunde sollten sich Dürrenmatts modernen Klassiker sicherlich nicht entgehen lassen, gehört es doch zu einem der Meisterwerke des Autoren. Wer sich für unsere paradoxe Gesellschaft interessiert, sollte ohne zu zögern zugreifen.
Als Schullektüre hat sich das Stück bereits etabliert. Ich finde jedoch, dass die Schüler nicht zu jung sein sollten, damit sie auf einem guten Niveau über das Buch diskutieren können. Zu junge Schüler werden von der Gattung des Theaterstückes überfordert sein.