Neid ist eine Todsünde. Und Neid kann den Tod bringen. So, wie der erste Mord in der Bibel aus Neid begangen wurde, ist Neid auch einer der Hauptgründe der Judenverfolgung gewesen.
Aber woher kam dieser Neid, und wie konnte er dermaßen eskalieren? Dieser Frage geht Götz Aly nach und beleuchtet die Vorgeschichte des nationalsozialistischen Staates.
Neid hat seinen Ursprung in Schwäche, mangelndem Selbstvertrauen, Kleinmut und einem Unterlegenheitsgefühl. Neidische Menschen versuchen, ihr geringes Selbstwertgefühl zu erhöhen, indem sie andere erniedrigen. Dabei werden sie immer gehässiger und richten ihre Energie auf die Zerstörung anderer, sehen sich selbst jedoch als anständige Menschen. Neidische Menschen haben Angst vor der Freiheit und der damit verbundenen Unsicherheit. Deshalb fühlen sie sich auch in der Gruppe wohler.
Aly beginnt seine Untersuchung mit dem Beginn des 19. Jahrhunderts. In dieser Zeit bekamen die Juden langsam mehr Rechte. Besonders die Gewerbefreiheit sorgte dafür, dass die Juden wirtschaftlich richtig durchstarten konnten.
Hier liegt die Grundlage für den Antisemitismus, denn während die Juden die neugewonnene Freiheiten als Gewinn sahen, hatten die christlichen Deutschen Angst vor der Freiheit. Das betraf auch Menschen, die sich eigentlich für die Demokratie stark machten. Diese Ambivalenz zwischen demokratischen Ansichten und gleichzeitigem Antisemitismus zu verstehen, ist wichtig, um die Judenverfolgung im Nationalsozialismus analysieren zu können.
Ganz deutlich wird am Beispiel der Juden die zentrale Funktion der Bildung für den sozialen Aufstieg. Anders als die christlichen Kinder wurden die jüdischen Knaben alphabetisiert. Während die christlichen Geistlichen, und leider auch die Eltern, Bildung für nachteilig hielten, wurden bei den Juden Neugier und Wissbegier gefördert. Jüdische Eltern erbrachten alle denkbaren Opfer, um die Kinder zur Schule schicken zu können, notfalls hungerten sie. So hatten die jüdischen Jugendlichen mit ihrem geschulten Verstand die besten Voraussetzungen, um sich an gesellschaftliche Umbrüche anzupassen und diese für einen sozialen Aufstieg zu nutzen.
Das jüdische Bildungsstreben fand seinen Niederschlag auch an den Universitäten. Natürlich führte das auch dazu, dass Juden höherwertige und besser bezahlte Stellen fanden als die schwerfälligen Christen, die immer noch die Denkweisen einer Agrarbevölkerung hatten, die sich nicht mit den sozialen Umwälzungen der Industrialisierung vertrugen. Die Juden waren geistig beweglicher und fixer. Die Christen merkten, dass sie ins Hintertreffen gerieten; Neid war die Folge.
Das allein erklärt aber noch nicht den Erfolg des Nationalsozialismus. Götz Aly beschreibt weitere Faktoren, die zusammenwirkten.
Die Deutschen hatten, anders als ihre Nachbarländer, Probleme, zur Nation zu werden. Geologisch in der Mitte gelegen, waren sie überproportional von kriegerischen Auseinandersetzungen betroffen. Der Dreißigjährige Krieg mit seinen verheerenden Folgen hat die Deutschen wirtschaftlich weit zurückgeworfen. Dazu kamen die Leiden unter Napoleon. Erneut wurden die materiellen Grundlagen zerstört, diesmal im Namen der Freiheit, ein Begriff, der so für die Deutschen einen negativen Beigeschmack bekam. Es konnte kein nationalstaatliches Selbstbewusstsein aufgebaut werden.
Ende des 19. Jahrhunderts, mitten im wirtschaftlichen Aufschwung, klaffte eine Lücke zwischen dem technischen Fortschritt auf der einen Seite und den politischen Fähigkeiten der Deutschen auf der anderen Seite. Der nun entstehende organisierte Antisemitismus richtete sich gegen die liberale Wirtschaftspolitik. Dass die immobilen Werte wie Grundbesitz gegen die neuen, von der Arbeit losgelösten, Geldwerte ins Hintertreffen gerieten, sorgte für Unsicherheit, mit der die christlichen Deutschen nicht umgehen konnten. Sie hatten nicht die Flinkheit des Geistes, um die neue Situation auszunutzen. Gleichzeitig verlor der Katholizismus an Bedeutung. Statt nun eine bessere Bildung für ihre Kinder anzustreben, verlegten sich die christlichen Deutschen aufs Meckern und suhlten sich in ihrem Gefühl der Benachteiligung und Unterlegenheit, im Neidgefühl.
In der Weimarer Republik kamen die immensen Reparationszahlungen, die Deutschland zu leisten hatte, erschwerend dazu. Der Wiederaufschwung wurde damit verhindert. Gerade in einer Phase, in der die christlichen Deutschen aufholten, in der sie, ermutigt durch die neue Bildungspolitik, auch endlich den Aufstieg durch Bildung wagten, wurde der Aufstiegswillen durch die Weltwirtschaftskrise im Keim erstickt. Die Erwartungen auf einen sozialen Aufstieg, die die Weimarer Republik geweckt hatte, wurden nicht erfüllt. Wieder bauten sich Ressentiments auf, wieder sorgte die politische Hilflosigkeit für Wut und Aggression, für Neid.
Die NSDAP hat den Aufstiegswillen für sich nutzen können. Sie rekrutierte ihre Funktionäre überwiegend unter den Neuaufgestiegenen. Wer als Erster in seiner Familie studiert, hat einen so großen sozialen Sprung gemacht, dass der Rückhalt in der Familie fehlt. Auch das Vorbild der Eltern, die Selbstverständlichkeit des Status und die Fähigkeit, sich in anderen Kreisen sicher zu bewegen, fehlen. Das führt zu Unsicherheit, zur Angst, wieder abzurutschen. Und zum Neid auf Diejenigen, die schon fest im Sattel sitzen.
Da sich die Mitglieder der NSDAP zu einem großen Teil aus sozialen Aufsteigern rekrutierten, kannten sie aus eigener Anschauung die Probleme der unteren Gesellschaftsschichten. So bekam die NSDAP Zulauf unter den einfachen Leuten, die sich ernst genommen fühlten. Die NSDAP war keine Klassenpartei, sondern eine klassenübergreifende politische Bewegung, die den sozialen Aufstieg und das Zugehörigkeitsgefühl zu einem großen Ganzen gezielt förderte.
Ein weiterer Faktor war die Entstehung der Rassenkunde, die in Deutschland von Anfang an gegen andere Völker und gegen Minderheiten gerichtet war, und mit einer ideologischen Erhöhung des eigenen Volkes einherging. Die Rassenkunde ermöglichte es, sich „wissenschaftlich“ untermauert von den Juden abzugrenzen. Und sie erlaubte, die persönlichen Misserfolge hinter der Zugehörigkeit zur „besseren Rasse“ zu verstecken. Die aus der Rassenkunde abgeleitete „Erbgesundheit“, die zu Massensterilisationen und –morden an „unwerten“ Leben führte, war ein Einüben der späteren Brutalität gegen Juden beim eigenen Volk. Wer Mitglieder der eigenen Familie umbringen lässt, hat auch keine Skrupel, wenn vermeintlich Außenstehende ermordet werden.
Aly zeigt die Parallelen zu Mord der Türken an den Armeniern und zum italienischen Faschismus auf. Aber auch zu den Völkermorden der Neuzeit, die zeigen, dass die Geschichte nicht zu Ende ist.
„Die Schwachen sind die Gefährlichen“, das gilt auch für unsere Zeit. Neid, Versagensangst, Missgunst und Habgier sind auch heute zu finden. Das Böse bleibt in der Welt. Ich teile in dieser Hinsicht den Pessimismus von Götz Aly, der sagt: „Es gibt keinen Ort des Bösen, der sich ein für alle Mal vermauern ließe, um derartige Schrecken zu bannen. Ein Ereignis, das dem Holocaust der Struktur nach ähnlich ist, kann sich wiederholen.“
Anzeichen dafür sind meines Erachtens auch im heutigen Deutschland vorhanden, sei es nun die Argumentation eines Sarrazin, die in seiner rassistischen Abgrenzung durchaus Parallelen zu Hitlers „Mein Kampf“ hat, oder die Verteufelung des Islams.
Aly stellt fest, dass der aggressive Neid zwischen materiell ähnlich gestellten Gruppen größer ist, als zwischen sozial stärker unterschiedenen Gruppen, weil die Nähe einen ständigen Vergleich ermöglicht. Das finde ich plausibel, denn man kann diesen Effekt auch heute sehr gut beobachten: Der Neid der Benachteiligten richtet sich nicht etwa gegen die Manager und Banker, die sich an der Krise, die sie selbst herbeigeführt haben, massiv bereichern, sondern gegen Hartz IV-Empfänger, die unter bestimmten Umständen (geringfügig) mehr Geld erhalten, als ein Niedriglohnarbeiter.
Dieses wichtige Buch von Götz Aly bringt neue und bisher nicht berücksichtigte Aspekte in die Diskussion ein. Das ist, wie immer bei Aly, detailreich ausgeführt und genauestens untermauert. Und wie immer ist bei Aly ist das Buch hervorragend geschrieben und liest sich gut. Für alle, die sich mit dem Nationalsozialismus beschäftigen, ist dieses Buch ein Muss.