Episch breitgezogene Drachen-Lovestory
Zum Inhalt:
Annwyl kämpft mit ihren Soldaten verbissen gegen ihren Bruder Lorcan, der die Insel Garbhán mit eisener Hand unterjocht und auch Annwyl den Garaus machen will. Mittelalterlich gewalttätig geht es zu, während man sich ein blutrüstiges Gefecht nach dem anderen liefert, aus altem Groll, Grausamkeit, gekränkter Eitelkeit, um Ehre, Besitz. Nicht umsonst trägt Annwyl den Beinamen "die Blutrünstige". Bei einem dieser Gefechte schwer verletzt, glaubt sie, ihr letztes Stündlein habe geschlagen, aber diese Rechnung hat sie ohne den Drachen Fearghus gemacht. Dieser fühlt sich nämlich von den Kampfgeräuschen direkt vor seiner Höhle gestört und will lieber doch mal nach dem Rechten sehen. So ist er es auch, der Annwyl das Leben rettet, ungeachtet der Tatsache, dass sich die Drachen nichts weiter aus Menschen machen und sie ab und an als Abendessen schätzen. Gemeinsam mit seiner Schwester Morfyd, die nicht nur ein Drache, sondern auch eine Hexe ist und in Menschengestalt auftritt, päppelt er die aufbrausende Menschenfrau wieder auf. Nicht nur das; sobald Annwyl wieder fit ist, verwandelt er sich in einen attraktiven Ritter, der sie in Kampfkunst unterweist. Wohlweislich verschweigt er ihr, wer er ist, denn Annwyl fasst zu Fearghus' Drachengestalt immer mehr Zutrauen. Bald aber lässt sich die Anziehung zwischen Annwyl und ihrem starken Ritter nicht mehr stoppen, und auch der große Kampf steht unmittelbar bevor ...
Meine Meinung:
Vorausschicken muss ich, dass ich kein großer Drachenfan bin. Oft fällt es mir schwer, sie einzuordnen, und ich akzeptiere sie nur großzügig in der Märchen- und Sagenwelt, die ich mit meinen Sohn durchschmökere. Gerade weil es mir schwerfällt, mir Drachen als Love Interests in paranormalen Liebesgeschichten vorzustellen, habe ich mich entschlossen, Dragon Kiss in Angriff zu nehmen.
Leider empfinde ich bereits die Aufmachung als etwas irreführend. Die deutsche Ausgabe ziert wieder mal ein rehäugiges Porträt, auf dem die junge Damen einen etwas erschrocken-verwirrten Eindruck macht und der widerspenstigen Annwyl kaum zu entsprechen vermag. Im Hintergrund sind höhlenmalereiähnliche Zeichen zu erkennen, die einen Drachen darstellen sollen. Insgesamt wird hier aber mehr Romance vorgegaukelt, als in dieser erotisch angehauchten Geschichte zu finden ist. Der englischen Ausgabe ist wenigstens zugute zu halten, dass zusätzlich zur breiten Männerbrust noch langes dunkles Haar zu erkennen ist, das halbwegs zu Fearghus in Menschengestalt passt.
Zudem lässt der Klappentext eine amüsantere Geschichte erhoffen, als es dann die von der Autorin erschaffene fantastische Welt, die einen mittelalterlich-düsteren Touch hat, hergibt. Bereits nach wenigen Seiten ist klar, dass Dragon Kiss als erotische Gestaltwandler-Romanze ausgelegt ist. Zwar schwingt Annwyl im ritterlichen Kettenhemd das schwere Schwert besser als mancher ihrer Weggefährten und vergießt dabei literweise Blut, aber obwohl sie dauernd von einer Vielzahl von Männern umgeben ist, schlief sie bisher allein. Natürlich kann der Drache das riechen, und er lässt es sich nicht nehmen, sie immer wieder damit aufzuziehen. Der Schlagabtausch zwischen der als selbstbewusst vorgesehenen Kriegerin und dem zunächst übermäßig grummeligen Drachen, der seine Triebe nur schwer im Zaum halten kann, sollte zwar amüsant werden, ist aber eher peinlich, sodass man nach 119 Seiten wirklich erleichtert ist, dass sich das Thema Jungfrau endlich erledigt hat. Zwischendurch gibt es zwischen Fearghus (in Drachengestalt) und Annwyl Momente, die durchaus romantisch sein könnten. Durch den Umgang Annwyls mit dem Drachen hat man, obwohl dieser in jeder Gestalt spricht und dadurch weniger animalisch wirkt, allerdings den Eindruck, er sei Annwyls Schoßhündchen, auch wenn er vermutlich so groß wie ein Haus ist. Überhaupt ist Annwyl eher zickig als taff, und aus dem Drachen will man auch nicht so recht schlau werden, weil er zwischen Hormonen, Treue und Liebe schwankt, mal Schmusefaktor bietet, dann aber wieder so aufbrausend ist, wie man sich einen Drachen vorstellt.
Während die Charaktere auf den ersten hundert Seiten recht überschaubar sind, schickt die Autorin bald weitere Drachen aus Fearghus' Sippe ins Feld, damit die Leserin auch ja nicht vergisst, dass sie mal wieder eine Reihe vor sich hat, und wer bis dahin noch nicht von den Fantasy-Namen verwirrt wurde, kann sich glücklich schätzen. Mir persönlich fuhr G. A. Aiken, nachdem die Fronten zwischen Fearghus und Annwyl erst einmal geklärt waren, etwas zu viel Personal auf. Ich kam mitunter wirklich durcheinander, wer wer war. Auch die Perspektivenwechsel zwischen Drachenschlucht und reiner Menschenwelt waren dabei wenig hilfreich. Selbst die Blutfehde zwischen Annwyl und ihrem Bruder verpuffte.
Während ich mich für die "heißen" Männercharaktere kaum erwärmen konnte, weil sie mir zu besitzergreifend und machohaft daherkamen und ich mich diebisch gefreut habe, wenn sie ihr Fett wegbekamen, punkteten die Frauencharaktere. Insbesondere Morfyd, eine Drachenfrau mit magischen Kräften, ist ein sehr interessanter und sympathischer Charakter, über den ich gern mehr lesen würde. Auch Drachenkönigin Rhiannon und Mutter von Fearghus ist nicht von schlechten Eltern. Im Vergleich dazu wirkte Protagonistin Annwyl auf mich einfach nur zickig und trotz aller verbitterter Zielorientierung recht einseitig.
Gut gefallen haben mir hingegen die Kampfszenen, in denen es ordentlich zur Sache ging und kein Blatt vor den Mund genommen wurde. Dass ich auf diese Spannung und Action nach einer Weile erpichter war als auf die ausführlichen Liebesszenen, die so gar nichts zum Prickeln bringen wollten, will schon etwas heißen.
Zu Beginn des Romans bereitete mir der Stil der Autorin Schwierigkeiten, wofür ich keineswegs die Übersetzung verantwortlich machen würde. Zum Glück verflüchtigte sich ihre Unditis im Verlauf des Buches, wo wesentlich weniger Sätze mit "und" beginnen und "und" seltener als beliebige Konjunktion zum Einsatz kommt. Auch ein Anflug von einem Hang zu Partizipialkonstruktionen verflüchtigt sich mit der Zeit oder wird weniger auffällig eingesetzt. Positiv fiel mir auf, dass Dialoge weitestgehend ohne beschreibende Verben auskamen, sodass lästiges "sagen" und "fragen" entfallen, es trotzdem nie unklar ist, wer sich gerade äußert.
Was mich am meisten gestört hat, war allerdings der Schlussteil des Romans. Dieser vermittelt den Eindruck, man habe der Autorin erlaubt, einfach noch einhundert Seiten mehr zu schreiben, obwohl die eigentliche Geschichte bereits abgeschlossen war. Dieser Part um das Elternpaar der Drachensippe, Bercelak und Rhiannon, mag zwar als kleine Hintergrundanekdote oder Bonusgeschichte ganz interessant sein, verleiht Dragon Kiss aber zusätzliche Langatmigkeit.
Die Fortsetzung Dragon Dream steht zwar schon in meinem Regal, wird aber noch etwas warten müssen, bis ich wieder in paranormaler Drachenlaune bin.
Fazit:
Als Epos gepriesene, wenig spannende Romanze zwischen männlicher Fabelgestalt und Menschenfrau in auf mittelalterlich getrimmtem Fantasy-Ambiente, die leider magisches und mythologisches Potenzial und Romantik verschenkt.
Für Fans erotikorientierter paranormaler Liebesgeschichten.
Gesamteindruck:
3 von 5 Punkten