(Rezension von Feder)
Lady Alexia Tarabotti ist das, was man im viktorianischen London als schwer vermählbar bezeichnet. Und das liegt nicht nur an ihrem dunklen Teint und den italienischen Zügen, welche sie ihrem verstorbenen Vater verdankt – nein, Miss Tarabotti ist eine resolute, schlagfertige Dame, die mit ihrem scharfen Intellekt und ihrer spitzen Zunge auch noch all jene Verehrer der gehobenen Gesellschaft in die Flucht zu schlagen vermag, die über die Unzulänglichkeiten ihrer Erscheinung hinwegsehen.
Eine gänzlich neue Wendung in ihren müden Alltagstrott bringt die abendliche Begegnung mit einem ausgehungerten Vampir – der sehr zu Lady Alexias Missfallen nicht mal anständige Manieren vorzuweisen hat. Richtig unangenehm wird es aber erst dann, als Alexia besagten Vampir in Notwehr tötet und somit den königlichen Chefermittler für übernatürliche Angelegenheiten, Lord Maccon, auf den Plan ruft. Dieser ist ein Werwolf-Alpha erster Klasse: arrogant, ungehobelt und auf eine bedrohliche, wilde Art anziehend. Und während Alexia noch versucht, ihre Gefühle für den Werwolf einzuordnen, stolpert sie mitten hinein in eine Intrige, die das friedliche Miteinander zwischen Vampiren, Werwölfen und Menschen zu zerstören droht …
„Glühende Dunkelheit“, der Auftakt zur „Lady Alexia“-Reihe von Gail Carriger, hält sich erfreulicherweise nicht mit langen einleitenden Floskeln auf, sondern steigt gleich ins Geschehen ein und zwingt den Leser so schon vom ersten Moment an, aufmerksam mitzudenken. Und das ist auch gut so, denn Alexia Tarabotti darf nicht unterschätzt werden mit ihrer erfrischenden Mischung aus Wissensdurst, Tugendhaftigkeit und ihrer unglaublich scharfen Zunge.
Ihr Charakter dominiert die Geschichte in jeder Minute, ohne dass sie aufdringlich wirkt. Sie ist eine starke Persönlichkeit, die nicht nur bei ihren Bekanntschaften im Buch einen bleibenden Eindruck hinterlässt, sondern die auch mir positiv in Erinnerung bleiben wird. Natürlich ist sie nicht perfekt: Doch auch ihre Fehler – ihr Talent, sich immer in Schwierigkeiten zu bringen und Mundwerk, das sie niemals halten kann – wirken ungemein sympathisch. Sie repräsentiert auf eindrucksvoll authentische Weise den Geist der Zeit, dem sich viele wohlhabende Familien des viktorianischen Zeitalters noch verschlossen haben – und trotz ihrer fortschrittlichen Sicht der Dinge ist sie eine wahre Lady geblieben. Doch ohne die großen und kleinen anderen Charaktere würde Alexia mit ihrem Wesen keineswegs so gut zur Geltung kommen. Ohne die provozierende Rauheit von Lord Conall Maccon wäre ihre Zunge sicher nur halb so spitz. Und ohne Lord Akeldama mit seiner blumigen Sprache würden viele kleine Facetten ihres Lebens sicherlich nicht ganz so gut zur Geltung kommen, ganz zu schweigen davon, dass Lord Maccon ohne den exzentrischen Vampir einen Grund weniger zur Eifersucht hätte. Kurzum: Die Figuren fügen sich harmonisch und einheitlich ins Gefüge der Geschichte und ergänzen sich auf eine Art und Weise, die dem Roman Charme, Tiefe und Witz verleihen.
Ganze besonders gut hat mir gefallen, dass Vampire einmal nicht als seelenlose Blutsauger dargestellt werden, sondern dass sie gerade aus dem Grund zum Vampir taugen, weil sie als Menschen mehr Seele hatten als andere. Denn nur wer einen Überschuss an Seele vorzuweisen hat, hat eine Chance, die Metamorphose zu überleben.
Doch auch die Geschichte an sich kann sich sehen lassen, gelingt es doch der Autorin durchweg, die Spannung zu halten und sie in entscheidenden Momenten sogar noch ein bisschen zu steigern. Dabei kommen Humor und ein geschmackvolles bisschen Erotik, das weder aufdringlich noch plump wirkt, auch nicht zu kurz.
Zugegebenermaßen konnte ich mir schon nach kurzer Zeit ausmalen, wer wie in die Intrige hineinpasst, aber das hat erfreulicherweise den Lesegenuss nicht im Geringsten beeinträchtigt, ganz im Gegenteil: Es hatte sogar seinen Reiz, den Figuren an Wissen voraus zu sein und zu beobachten, wie sie sich Stück für Stück zur Lösung vortasten. Es gab mir auch die Gelegenheit, den großen und kleinen Nebensächlichkeiten verstärkte Aufmerksamkeit zu schenken, ohne dauernd über die Lösung des Rätsels nachgrübeln zu müssen. Es ergibt sich ein harmonisches Gesamtbild, das einfach Lust auf mehr macht.
Die Hintergrundbegebenheiten sind detailliert und anschaulich erzählt und liefern einen sehr fundierten, aber keineswegs überladenen Blick auf das viktorianische London. Es ist auch sehr schön zu sehen, dass sich die Vampire und Werwölfe mehr oder weniger gut in die Gesellschaft integriert haben und dennoch hatte ich als Leser nie das Gefühl, dass sich eine Rasse der anderen untergeordnet hat. Die einzelnen Gruppen haben sich untereinander arrangiert und dabei einen Kompromiss gefunden, der ihre Traditionen möglichst unangetastet lässt.
Das Buch ist stilistisch wunderbar griffig formuliert und angenehm zu lesen. Lediglich an ein oder zwei Stellen ist der Übergang etwas sprunghaft, sodass sich zumindest mir die Veränderung der Situation nicht ganz logisch erschlossen hat. Holprig waren hin und wieder auch die Übergänge, was die Erzählperspektive angeht. So werden die Geschehnisse zumeist bezogen auf die junge Lady Tarabotti geschildert. Hin und wieder werden dem Leser aber dann eher unbemerkt einige Zeilen aus einem anderen Blickwinkel präsentiert, die meistens aber so kurz sind, dass ich bereits darüber hinweg gelesen habe, ehe es mir aufgefallen ist. Diese kleine Eigentümlichkeit im Stil hat dann mit dem Fortschreiten der Geschichte kaum noch Probleme bereitet, da ich mich als Leser – nicht zuletzt aufgrund des ansonsten wirklich sehr gelungenen Stils – schnell daran gewöhnt habe.
Eine nette kleine sprachliche Erfrischung stellte meiner Meinung nach der begriffliche Ausflug in die Welt der Insekten dar. So wird der Zusammenschluss einer Gruppe Vampire nicht schon ziemlich klischeemäßig als „Clan“ oder „Orden“ bezeichnet, sondern als „Stock“, der eine Königin, Larven und Drohnen vorweisen kann.
„Glühende Dunkelheit“ ist ein spannendes, witziges und emotionsgeladenes Buch mit einem gehörigen Schuss Romantik, das trotz einiger kleiner Mankos im Stil ein wahrer Lesegenuss ist. Ein würdiger Auftakt für die „Lady Alexia“-Reihe von Gail Carriger, den ich vor allem aufgrund der ausgefeilten Charaktere ohne zu zögern weiterempfehle.