Geneen Roth diskutiert in "Essen als Ersatz", warum wir essen, wenn wir nicht hungrig sind, was Hunger überhaupt ist und wie man zu einem gesunden Essverhalten finden kann.
Geneen Roth ist Therapeutin und arbeitet viel mit Menschen, die abnehmen möchten. Dabei und in ihrer eigenen Abnehmkarriere hat sie viele Erfahrungen und Einsichten gewonnen, die sie in ihrem Buch einfühlsam und glaubwürdig vermittelt.
Das Buch "Essen als Ersatz" mag auf manchen so wirken, als wäre nur eh schon Bekanntes zusammengeschrieben worden. Tatsächlich ist das, was Frau Roth vermittelt, für gesunde, schlanke Menschen wahrscheinlich selbstverständlich. Doch schafft sie es durch ihre eigenen Erfahrungen und Berichten von Frauen aus ihren Seminaren ein tiefes Verständnis für das eigenen Essverhalten und das anderer zu schaffen.
So vertritt und belegt für mich sehr nachvollziehbar, dass hinter zwanghaftem Essverhalten meistens keine Irrationalität steht, sondern dadurch sehr handfeste Bedürfnisse ausgedrückt werden.
Besonders berührt hat mich eine Stelle im Buch, wo Frau Roth darüber spricht, dass wir mit der Ilusion leben, es sei das Ideal, jeden Schmerz aus unserem Leben zu verbannen (4. Auflage, Seite 192f):
Zitat:
Wir denken, wir sind auf der Welt, um glücklich zu sein, und wenn wir es nicht sind, empfinden wir das als Strafe. Dann versuchen wir herauszufinden, wofür wir bestraft werden. Wir fragen uns, was denn so schrecklich falsch an uns ist. Dieser Gedanke an sich ist so schmerzhaft, dass wir ihn wegschieben, und wenn der Schmerz trotzdem andauert, denken wir, wir werden bestraft.
Wer immer uns gesagt hat, wir seinen auf der Welt, um glücklich zu sein, der irrt.
Ich finde, dieses "Sie lebten glücklich bis an ihr Lebensende" sollte aus jeder Geschichte gestrichen oder mit einem Zusatz versehen werden: "Dies ist nur ein Märchen. Im wirklichen Leben sind Menschen nicht glücklich bis an ihr Lebensende."
Im wirklichen Leben fühlen Menschen jeden Tag eine Art Unbehagen. Geboren werden tut weh. Leben tut weh. Sterben tut weh. Wenn wir das wissen und nicht erwarten, immerzu glücklich zu sein, dann müssen wir uns nicht fürchten oder verfluchen, wenn wir unweigerlich Schmerzen erleiden. Die Vorstellung, dass Schmerz schlecht, anormal oder vermeidbar sei, stiftet Angst und Verwirrung, sobald Schmerzen aufkomemn. Sie errichtet ein vielschichtiges und komplexes System in uns, das Schmerz um jeden Preis vermeiden soll.
Die meisten Menschen berühren nie den Grund ihres Schmerzes. Sie werden eher süchtig und tauschen den Schmerz, lebendig zu sein, gegen den Schmerz der Sucht ein.
Beide Wege sind nicht leicht. Sucht ist schmerzhaft, und Leben ohne Sucht ist schmerzhaft. Die Sucht hat ihre Freuden und das Leben ohne Sucht ebenso. Der größte Vorteil, den ich in einem Leben ohne Sucht entdecken kann, ist der, dass du nicht länger Angst vor Schmerzen haben musst.
Zitat Ende
Dann bietet Frau Roht Ansätze an, mit Schmerz umzugehen, ohne - fast immer unbewusst - zu versuchen, ihn durch Essen zu ersticken.
Für mich war "Essen als Ersatz" der Ansporn, mehr darauf zu hören, was ich essen möchte, selbst wenn etwas anderes schneller verfügbar ist und vor allem, dann zu essen, wenn ich Hunger habe und aufzuhören, wenn der Hunger befriedigt ist. Dieses Buch ist ein Buch, dass ich sicher in einigen Wochen nochmal lesen werde und bestimmt noch andere hilfreiche Gedanken für mich finden werde.