Es gibt Leser, die an einen Roman mit der Erwartung herangehen, dass man sich zumindest mit der Hauptfigur identifizieren können muss und dass diese - trotzdem - unbedingt sympathisch sein sollte. In Thrillern und Krimis sind die Hauptfiguren in der Regel Ermittler und "sympathisch" bezieht sich in am häufigsten auf Typen. Eigentlich gibt es in "Finstere Orte" weder Polizisten, noch Privatdetektive, Spezialagenten oder Forensiker, die zwar gebrochen, aber trotzdem mutig, selbstlos und hoch moralisch sind und ständig mit ethischen Dilemmen konfrontiert werden. Gillian Flynns Hauptfigur Libby Day ist kein ausgelaugter Typus und nicht "sympathisch". Ihre Selbsteinschätzung ist ganz schonungslos - faul, egoistisch, labil, diebisch, käuflich, launisch, weder nett, noch gut aussehend.
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Und ist der Roman über diese Hauptfigur überhaupt ein Thriller? Es gibt zwar das "Prärienmassaker", dem eine Mutter und ihre zwei kleinen Töchter zum Opfer fallen, den Sohn Ben als vermutlich unschuldig verurteilten mutmaßlichen Täter und die einzige Überlebende Libby, die 25 Jahre später im Auftrag eines true crime-begeisterten "Kill Clubs" das Verbrechen aufklärt. Das Plot über das traumatisierte Kind, das sich als erwachsene Frau der Vergangenheit stellen und daraus über sich selbst lernen muss, ist nicht gerade neu, und lässt eine Mischung aus Kriminalroman und Psychothriller vermuten, was auch der Fall ist. Die Erzählstrategie ist auch nichts Weltbewegendes: Es gibt mehrere Personalerzähler, aus deren Sicht die Geschehnisse geschildert werden. Libby, die einzige Ich-Erzählerin des Romans, berichtet aus der Gegenwart, während die Zeit kurz vor dem Mord zwar aus der Perspektive der anderen Familienmitglieder, aber in der dritten Person dargestellt ist. Rückblenden auch innerhalb dieser Episoden beleuchten die Hintergründe der Tragödie.
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Trotz dieser bekannten Kunstgriffe sprengt "Finstere Orte" durchaus das Schema eines Genreromans. Ein Grund dafür ist die bereits erwähnte Darstellung der Hauptfigur, ein recht komplexer Charakter, der sich in einfachen umgangssprachlichen Sätzen, die den Eindruck gesprochener Sprache vermitteln, und gleichzeitig durch recht elaborierte und kunstvolle Vergleiche selbst beschreibt. Die Kindheitserinnerungen dieser Figur und ihrer Bruder stellen eine Studie über sozial benachteiligte Familien in der amerikanischen Provinz dar. Die Armut ist weder sentimental, noch heroisch, sie besteht aus einzelnen scharf gezeichneten peinlichen Details, zu denen die Erinnerung ständig zurückkehrt: Die formlosen, abgetragenen Hosen zweiter Hand, der Spind in der Schule, der nur einen halb ausgelutschten Bonbon enthält, die Handlungen des kläglichen, alkoholisierten und vermutlich geisteskranken Vaters, gleichzeitig bedrohlich und ekelerregend.
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Darüber hinaus ist "Finstere Orte" vor allem ein Roman über den Umgang mit Massakern, was an erster Stelle ihre Vermarktung bedeutet. Die Tat an sich erinnert bewusst an berühmte wahre Kriminalfälle (sogar die Axt ist dabei), Libbys Konkurrenz mit neueren Opfern, einige von denen von den Medien bevorzugt werden, ist bittere Realität, von der die Autorin als Journalistin von erster Hand berichten kann. Das sensationslüsterne Interesse des Publikums, das als Mitleid maskiert ist, auch, wobei sich auch der Leser durchaus angesprochen fühlen darf. "Kill Clubs" existieren wirklich und selbst die Suche nach "Souvenirs" der Ermordeten entspricht vollkommen der Tatsachen, wie man sich dank der entsprechenden Internetforen selbst überzeugen kann. Verschont bleiben auch weder der sentimentale Kitsch der oft von Ghostwritern verfassten Bücher über die Opfer, noch die Anbetung der weiblichen Fans der mutmaßlichen Täter: Weil sie nicht an die Schuld der Mörder glauben oder gerade weil sie an sie glauben.
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Wenn die übrigen Inhalte nicht so anspruchsvoll wären, gäbe es einen Stern Abzug wegen der Auflösung am Ende, die ich leider äußerst unglaubwürdig und unbefriedigend fand. Das andere, was bei mir nicht gerade für Begeisterung gesorgt hat, war die Tatsache, dass so gut wie alle Figuren Tiere als Dinge bezeichnen, etwas, was ich zunächst für ein Element der Figurencharakterisierung hielt. Aber das stolze Nachwort über Kansas und seine Jägerschaft hat mich eher davon überzeugt, dass das offenbar durchaus der Meinung der Autorin entspricht.