Rezension verfasst vor 1 Jahr
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Genau so ist es. Punkt.
Selten habe ich mit der Thematik eines Buches weniger zu tun gehabt als in Hanna Marjut Marttilas “Filmreif”. Und selten hat mich ein Buch trotzdem so beeindruckt. Mir fällt es fast schwer, jetzt nicht in Lobeshymnen auszubrechen, sondern objektiv zu beschreiben was an diesem Buch für mich das Besondere ist.
Torsten, der Ich-Erzähler ist 15 Jahre alt. Eines Nachts weckt in seine 16jährige Schwester Tarina und teilt ihm mit, dass sie erneut schwanger ist. Wie bereits vor zwei Jahren. Damals wurde das Kind nach der Geburt zur Adoption freigegeben. Diesmal will sie es behalten! Für Torsten ein Problem, das es möglichst schnell und systematisch zu lösen gilt. Denn die beiden Jugendlichen leben nicht in einer normalen Familie. Beide Eltern sind arbeitslos, depressiv und alkoholabhängig. Und Torsten ist derjenige der die Verantwortung für die Kondome bzw. für die Verhütung der Schwester trägt. Neben vielen anderen Dingen. Die Sozialbetreuerin der Familie Liisa hat gerade die Sommergrippe und kann nicht helfen. So kommt eines zum anderen und am Ende ganz anders als man denkt.
Für mich war dieses Buch der Blick in eine ganz andere Welt. Die Autorin beschreibt das zu Beginn des Buches in Torstens Worten sehr treffend: “Bessergestellte Leute haben fast immer ein völlig falsches Bild vom Leben der Benachteiligten. Andererseits gilt das andersherum auch. Ich selbst möchte kein so oberbeschränkter Hirntoter sein, der nicht kapiert, dass die andere Seite auch ihre Probleme hat.” Und welche Probleme ein Kind hat, dessen Eltern sich regelmäßig um den Verstand trinken, beschreibt Marttila äußerst anschaulich. Und zwar so, dass man es auch versteht und Verständnis entwickeln kann.
Auch sprachlich hat mich das Buch sehr angesprochen. Torsten erzählt seine Geschichte so, als würde er gerade mit einem Reden. Selbstverständlich finden sich auch Flüche und einige Kraftausdrücke, aber in sehr milder und vor allem passender Form. Das ganze Buch ist überdies wie ein Drehbuch-Skript aufgebaut. Nicht umsonst ist Torstens großer Traum Regisseur zu werden. Statt Kapiteln gibt es also Szenen und Torsten beschreibt immer wieder Situationen als wenn sich um eine Kameraeinstellung bei einem Film handelt. Das alles trägt zu einem flüssigen, abwechslungsreichen Leseerlebnis bei.
Das dieses problemorientierte Buch alles andere als deprimierend ist, liegt aber vor allem an den positiven Grundoptionen. Torsten hat ein Ziel. Er will Regisseur werden. Jede freie Minute verbringt er in der Bibliothek mit Filmlektüre. Und er hat Glück. Seine Eltern sind zwar alkoholkrank, aber nicht gewalttätig. Das heißt innerhalb seiner Familie werden die Würde des einzelnen und der Respekt voreinander gepflegt.
Das scheint mir überhaupt das wichtigste, was ich von diesem Buch (das ich sicher nicht zum letzten Mal gelesen habe) behalte. Man sollte allen Menschen vorurteilsfrei begegnen und sich nicht von vornherein für etwas besseres halten, auch wenn man bessergestellt ist. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Genau so ist es. Punkt!
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