Wie Romane entstehen: Diese Frage haben sich zwei Personen gestellt, die maßgeblich an der Produktion von Romanen beteiligt sind – der eine als Schriftsteller, der andere als Lektor.
Das Buch besteht aus verschiedenen Vorlesungen, die Hanns-Josef Ortheil und Klaus Siblewski teils zusammen, teils jeder für sich an verschiedenen deutschen Universitäten gehalten haben.
Der erste Teil des Buches gehört dem Schriftsteller (wie auch ein Lektor erst dann zum Zuge kommt, wenn der Schriftsteller seinen Teil der Arbeit geleistet hat). Ortheil geht in seinen Vorlesungen – stark autobiographisch, aber auch auf Beispiele anderer Schriftsteller wie Theodor Fontane, Virginia Woolf, Thomas Mann, Émile Zola u. a. zurückgreifend, auf die verschiedenen Phasen des Romanschreibens ein, als da wären:
- „Notieren und Skizzieren“: Ein „Wucherungsprozess“ sei diese Phase. Er beschreibt diesen Prozess, wie er ihn erlebt und wie andere Schriftsteller ihn erlebt haben, zieht Vergleiche, berichtet über unterschiedliche Arbeitsweisen und Schriftstellernaturelle, von den ersten Impulsen und deren Folgen: Figuren, Gesellschaft, zeitlicher Hintergrund, der Stimme des Erzählers ...
- „Figuren, Räume, Texte“: Hier geht es um die Beständigkeit von Roman-Ideen, ob sich beim Autor der Wunsch einstellt, seine ersten Ideen weiterzuverfolgen, von der „Verführung“ durch eine Figur, dem „Faszinosum“ der ersten Szene und daraus entstehenden Ketten von Einfällen, von den „stark suggestiven Einladungen“, die Romanfragmente an den Autor aussenden, den Schwierigkeiten, die Faszinationen am Leben zu erhalten, die Intimität, die entsteht, wenn ein Autor mit seinen Figuren vertraut wird und die Kunst, die darin besteht, die einzelnen vorliegenden Bausteine miteinander zu verbinden und die Figuren/Räume/Szenen im Auge zu behalten.
- „Spuren suchen“: Ortheil zitiert Jean Paul, der über die Schwierigkeit der Erschaffung von Figuren geschrieben hat: wie aus der Vielfalt des nun vorhandenen Stoffes die Figur herausgeschält werden muss und wie sich daraus Szenen, Räume und Handlungselemente ergeben. Er berichtet, wie ein Autor in diesem Stadium mit seiner Romanwelt förmlich verwächst. Wie er am Ende eines schleichenden Prozesses ein Teil des Romans ist, wie er sich im Kreise seiner Figuren bewegt und in der Romanwelt lebt.
- „Eine Entstehungsgeschichte“ beschreibt eben das und liefert das Ergebnis.
Dann ist die Reihe an Klaus Siblewski, dem Lektor. Seine Vorlesungen sind überschrieben mit:
- „Poetische Vision“
- „Recherchieren, Konzipieren“
- „Schreiben, Gliedern, Entwerfen“
- „Redigieren“
Siblewski erklärt, dass Schreiben und Veröffentlichen keine zwei getrennt voneinander zu betrachtenden Dinge seien. Dass sich beides vielmehr durchdränge und nicht voneinander lösen ließe. Siblewski (Lektor!) steht auf dem Standpunkt, dass ein Roman kein Roman sei, solange er nicht veröffentlicht ist. Er berichtet von der Zusammenarbeit von Autor und Lektor, von verschiedenen Autorencharakteren, von Schwierigkeiten, vor die sich Autoren gestellt sehen können, wie dem Versiegen des Erzählstromes. Siblewski zählt Herangehensweisen von Autoren an einen Roman auf: über die Figuren, die Region, in der der Roman spielt, aus Szenen heraus usw. und deren Mischformen. Er erzählt, wie der Lektor zum Gegenpart des Autors und somit zum Anwalt des Romans wird, den der Autor schreiben möchte. Welche Fragen er stellen muss, um den Autor auf Schwierigkeiten aufmerksam zu machen, die dieser selbst nicht sieht, wie ein Lektor im Idealfall Richtungen weist, Möglichkeiten eröffnet. Er schreibt vom ersten, zweiten und dritten Lesen eines Manuskriptes, und welche Punkte für einen Lektor dabei jeweils im Vordergrund stehen. Und er schließt mit der Feststellung: „Kein Roman kommt an dem Ende an, sondern nur an einem.“