Rezension verfasst vor 4 Jahren
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Harald Martenstein, eigentlich Kolumnist der "Zeit", hat hier seinen ersten Roman vorgelegt. Das ist ihm nicht schlecht gelungen.
Kriegsheimkehrer Joseph kommt aus russischer Gefangenschaft wieder zu Hause in Mainz an. Er hat alles verloren: Er ist nicht Offizier geworden, er ist nicht mehr schön und muskulös, wie noch vor seiner Gefangeschaft, und er steht nicht mehr aufd er "richtigen" Seite, die Niderlage Nazideutschlands hat ihm die moralische Ruhe genommen. Dieser Verlierer, der immer nur ein Held sein wollte erwartet natürlich nach mehrjähriger Gefangenschaft nicht, dass er keinen neuen Mann bei seiner bildschönen jungen Frau antreffen wird, doch er ist gleichwohl nicht gefasst auf einen blutbespritzten Franzosen, der gerade versucht hat, Katharina zu töten. Joseph verbindet geistesgegenwärtig die Wunde seiner Frau und rettet ihr so das Leben, das die beiden künftig wieder zwar gemeinsam, aber doch eher schlecht als recht miteinander verbringen.
Martenstein entrollt nun in loser Folge einige Episoden aus dem Leben der Familienangehörigen, viele davon aus der Vergangenheit, manche aber auch aus der erzählten Gegenwart. Die Episoden sind kurzweilig und flüssig erzählt, oft amüsant, dabei nicht ohne den nötigen Tiefgang. Martensteins Buch ist Unterhaltung im besten Sinne.
Was dieses Buch hingegen nicht ist, ist ein Zeitpanorama der 50er Jahre, als das ich es mir eigentlich besorgt hatte. Zu randständig sind die Figuren, nur seltengewinnen sie eine überindividuelle Gültigkeit, nur sehr selten blitzt einmal das auf, was man wohl das "normale Leben" in der Wirtschaftswunderzeit nennen könnte.
Ein großes Gewicht liegt hingegen auf den Kriegserlebnissen und auf der Schuld, die Joseph hier auf sich geladen hat und die er nicht mehr loswird.
Interessant ist der Kunstgriff am Ende des Buches, der auf gerade noch unaufdringliche Weise einen sehr originellen Erzähler einführt, der das Buch sehr schön abrundet.
Alles in allem ein gelungenes Buch. Wunderbar geeignet für ein trübes Novemberwochenende, aber leider eben kein Buch, das zum besseren Verständnis der 50er und 60er Jahre beiträgt.
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