Leser-Rezension zu „Afterdark” von Haruki Murakami
am 5.07.2010
Haruki Murakamis Nachtstück
Ein Fastfood-Lokal… knapp vor Mitternacht… das lesende Kameraauge sieht ein Mädchen… ein lesendes Mädchen… was macht sie zu so später Stunde alleine hier?
Ein junger Mann mit Posaune setzt sich zu ihr… ein Gespräch beginnt…
Eine junge Frau schläft… ist es eine Art Winterschlaf… ein Flimmern verrät einen Fernseher… auf welcher Ebene der Wahrnehmung befindet man sich?
In einem Lovehotel wird eine junge Frau zusammengeschlagen…
Ein Mann arbeitet nachts im Büro… Stunden später legt er das Mobiltelefon der zusammengeschlagenen Frau in einem Supermarkt in der Käseabteilung ab…
Am Ende doch schlüssig verbindet Haruki Murakami diese verschiedenen Ideen und schafft somit ein poetisches Stimmungsbild einer Nacht in einer der Großstädte Japans.
Sein Großstadtdschungel ist bevölkert von einsamen, guten, schlechten und glücklichen Menschen, von Prostituierten, von Arbeitslosen, von Studenten und von Workoholics.
Er erzählt von Menschen, deren Wege sich manchmal kreuzen, oder auch nicht, von Begegnungen, die ohne Nachwirkung bleiben, oder auch nicht.
Die metaphysische Ebene in „Afterdark“ nimmt gegen Ende in der Erzählung um die schlafende Schwester zu, während sich zwischen der ursprünglich in „Denny’s“ sitzenden Mari und dem Hobbymusiker eine zaghafte Romanze anzubahnen beginnt.
Wie ein jazz-verliebter Marionettenspieler führt der Autor seine Figuren und den Leser wie einen bereitwillig lesenden Voyeur durch die knapp 280 Seiten, um am Ende alles, quasi wie im Märchen, mit dem Sonnenaufgang verschwinden zu lassen.
„Afterdark“ fällt zwar als Roman durch; als stimmungsvolles, kurzes, musikalisches und poetisches Nocturne funktioniert „Afterdark“ aber sehr gut.

