Wenn ich weder den Klappentext, noch die Leseprobe einiger späteren Kapiteln dieses Buchs gelesen hätte, hätte ich zunächst gedacht, dass ich mit einem humoristischen Roman zum Thema Scheidung und Neuanfang zu tun habe. Helen und Steve, "deren Charaktere eine ebenso große Chance hatten sich miteinander zu verbinden wie Olivenöl und Balsamessig" (S. 22), haben sehr jung geheiratet und wie viele andere Paare naiv geglaubt, dass ihre Differenzen nach der Geburt der Kinder auf magischer Weise verschwinden werden. Und dann geschieht das Unfassbare: Der erstgeborene Sohn Sam wird von einem Auto überfahren und lässt seine Familie im Schockzustand zurück. Der Roman erzählt vom langem Weg der Mutter und ihres zweiten Sohnes Rob aus diesem Schock, auf dem sie die Katze Cleo begleiten wird, das Haustier, das sich Sam kurz vor seinem Tod gewünscht hat. Beschreiben sind die wichtigsten Ereignisse im Leben der Familie im Laufe der folgenden 23 Jahre - vom Geburt bis zum Tod der Katze – der Punkt, der die Bewältigung des Trauers markiert, obwohl das tote Kind unvergessen bleibt.
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Der autobiographische Roman ist ein Genre, das natürlich nie "das wahre Leben" beschreiben kann, sondern lediglich die Selbstwahrnehmung eines Menschen, der aus teils erlebten, teils ausgeschmückten und manchmal vorgestellten Episoden Sinn zu stiften versucht - und wenn ich "Helen" schreibe, meine ich natürlich die Ich-Erzählerin des Romans und nicht die Autorin, die neuseeländische Kolumnistin Helen Brown. Die Trauer lässt diese Erzählerin einzelne Erlebnisse aus der Vergangenheit mit Sam Revue passieren, die ihr im Nachhinein bedeutungsvoll erscheinen, Motive, die sich zu wiederholen und alle auf seinen frühen Tod hinzudeuten scheinen, eine ständige, fast esoterische Suche nach Sinn, die so verständlich ist, so dass ich mich angesichts des Traumas der Mutter in der Rolle des Voyeurs schämte. Erwartete und typische Trauerformel fehlen aber vollkommen, die Ich-Erzählerin vermittelt den Schockzustand durch Beschreibungen ihres Alltags nach dem Unfall und gerade die erschütternde Mischung aus dem Traumatischen und dem Banalen macht die Darstellung einmalig authentisch: Sie wünscht sich, die Haarfarbe und Kleidung der Frau zu kennen, die Sam überfahren hat, um sie sich vorstellen zu können, erzählt Unbekannten beim Einkaufen von ihrem Unglück und schämt sich dafür, schreibt im gleichen Atemzug vom Asphalt an der Unfallstelle und von den kitschigen Ohrringen ihrer Nachbarin. Die schon erwähnten humoristischen Episoden, die schlagartig mitten im tiefsten Schrecken aufblitzen, und die scharfe Beobachtungsgabe der Kolumnistin machen den Stil markant und unverkennbar.
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Über Cleo, die die Erzählerin ganz bestimmt sehr geliebt hat, lässt sich streiten. Die Katze kommt und geht immer zum dramaturgisch richtigen Zeitpunkt. Und immer dramaturgisch wirksam. Die Nachbarin, die sie der Familie bringt, erscheint wie eine himmlische Silhouette, so dass die Erzählerin beim Öffnen der Tür von einem Lichtstrahl geblendet wird. Das Kätzchen ist selbst schutzlos, muss aber wie ein Schutzengel auf die Familie "aufpassen" und wie eine gute Fee ihnen wertvolle Lektionen erteilen und Wünsche zur Erfüllung bringen. Und Cleo ist der Inbegriff so gut wie ALLER Katzenklischess, die die meisten Leser je gehört und die ihre eigene Wahrnehmung von Katzen beeinflusst haben. Von Slapstickkomik über putzige Kätzchen und die (sehr übertriebenen) Unfälle, die sie im Haus verursachen sollten, über stolze "ägyptische Göttinnen" bis hin zu märchenhaft-esoterische sprechende Kater, die einem im Schlaf erscheinen und Weisheiten mitzuteilen haben, ist alles dabei. Es gibt Klischees über hässliche und schöne, unabhängige und menschenbezogene, Strassen- und Rassekatzen, und sie sind alle Cleo.
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Genau so idealisiert wie die Katze ist auch der sonstige Werdegang Helens. Beschrieben ist eine Familie, die sich dank der Teilzeitarbeit des Vaters sofort den Kauf eines Hauses am Meer leisten kann. Die Mutter, die zunächst eine Kolumne für die lokale Provinzzeitung schreibt, bekommt einen wunderbaren Job, für den sie sich nicht qualifiziert fühlt, aber die Arbeitgeber und Kollegen sind stets zufrieden, zuvorkommend und haben immer Zeit für sie. Sie muss plötzlich internationale Politiker interviewen, obwohl sie keine Ahnung von Politik hat, aber alle sind begeistert. Sie gibt sich keine Mühe mit ihren späteren Bewerbungen, hat aber immer Erfolg. Ja, die Autorin hat zweifellos sehr viel Talent und Charme, aber so konfliktlos ist die Welt nun mal nicht. Trotzdem lieben alle Helen. Und die Kinder. Und die Katze. Und jeder Unbekannte erweist sich sofort als traumhaft wahrer Freund. Und der nächste wundersame Helfer ihrer Familie steht bereits vor der Tür, wenn er gebraucht wird.
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Genau diese Mischung aus Schonungslosigkeit und Tröstlichkeit, Ehrlichkeit und Inszenierung kann für mich den großen Erfolg des Romans erklären. Schonungslos bleibt er bis zum Ende. Dargestellt ist nicht nur der tränenreiche Abschied von Cleo, sondern auch ihr Altern, der mit dem eigenen Älterwerden der Erzählerin parallelisiert wird, ein typisches Motiv vieler "Tierromane". Hier wird aber weder des hässliche Haar im Gesicht Helens erspart, noch die geschwollene Wange und der schlechte Geruch der alten Katze. Und tröstlich ist nicht nur Cleo: Der Roman erzählt eigentlich die Erfolgsgeschichte einer Frau, die ein schreckliches Trauma zu verarbeiten hat, aber von der ganzen Welt bedingungslos verstanden, anerkannt, geliebt, begehrt, umsorgt, gelobt und mit offenen Armen erwartet wird. Alle Menschen sind gut und man erreicht alles, was man sich gewünscht hat - einfach nur so nebenbei.