Leser-Rezension zu „UC” von Helmut Krausser

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Babscha Babscha
Verfasst von Babscha
am 9.02.2010
 

Ultrachronos – der letzte Moment im Leben eines Menschen, in dem alles Gewesene noch einmal im Zeitraffer an ihm vorüber zieht.
Hier spielt die Geschichte von Arndt Hermannstein: Kind der 80er, gefeierter Stardirigent, Ende Dreißig, reich verheiratet, rastlos, manisch lebenshungrig und immer auf der Suche nach dem großen emotionalen Kick. Wird urplötzlich mit einem zwei Jahrzehnte zurück liegenden ungeklärten Mordfall an einem Mädchen aus seiner Schulzeit konfrontiert, erlebt nachfolgend einen Albtraum aus diversen schicksalhaften Begegnungen mit früheren Freunden und Geliebten und insbesondere einem mysteriösen Schriftsteller, der sich massiv und ungefragt und aus nicht bekannten Gründen in sein Leben drängt, ein Manipulator ohne Gleichen. Hermannstein stellt an sich verstärkte Zeichen tiefer Amnesie fest, was frühere Geschehnisse und seine Verstrickung hierin betrifft, verliert den Boden unter den Füßen, taumelt weiter durch sein Leben, bis die Schlinge sich unbarmherzig zuzieht.

Soweit die aufs Wesentliche reduzierte Rahmenhandlung. Doch das Buch will mehr. Unter Aufbietung aller schriftstellerischen Tricks und Kniffe, mit Zeitsprüngen, in mehrfach verschachtelten Rahmenhandlungen und aus sich permanent verändernden Zeitebenen und Erzählperspektiven verlagert der Autor die Geschichte nach und nach von einer kleinen Kriminalstory zu einem streckenweise nicht mehr zu durchschauenden Konglomerat aus Mystik und Horror, in dem die Grenzen zwischen Realität und Fiktion -bewusst- verschwimmen und den Leser trotz Aufbietung voller Konzentration irgendwann nahezu kapitulieren lassen. Selbst die zum Ende hin stringent inszenierte „Auflösung“ mit Ausblicken auf die weiteren Lebenswege der div. sonstigen Mitwirkenden kann dann nicht mehr so recht versöhnen. Ein Buch wie ein David Lynch–Film: leichte Ratlosigkeit nach dem Abspann. Aber mit Sicherheit so gewollt. Man bleibt jedenfalls dran.

Bestechend an dem Werk sind der permanente Wechsel zwischen wortgewaltiger, wenngleich auch streckenweise leicht verquaster Sprache sowie einigen interessanten Denkansätzen aus Philosophie und Theologie einerseits und einer im nächsten Moment oftmals wieder vulgären, teils abstoßenden Sprache und Personenzeichnung vieler der sonstigen Mitwirkenden, allen voran des großen Gegenspielers Samuel Kurthes, die damit jedoch deutlich an Format gewinnen.
Absolut gelungen ist vor allem die beschriebene fortschreitende Transformation der Person des Arndt Hermannstein von einem gelangweilten midlife-Promi zu einem verzweifelten und um Erkenntnis und sein Leben kämpfenden Mann, dessen Schicksal sich zuletzt im Höhepunkt des Ultrachronos erfüllt.

Ein äußerst anstrengendes Buch, das ich jedoch trotz einiger Längen im Mittelteil und leichter Unglaubwürdigkeiten in der Zeichnung einzelner Charaktere (insbes. der ehemaligen Mitschülerinnen von Hermannstein) aufgrund der tollen und außergewöhnlichen Grundidee mit knappen 4 Sternen als insgesamt interessante Leseempfehlung einstufe.

 

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UC UC
Helmut Krausser

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UC
von Helmut Krausser

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