Eigentlich schmeiße ich keine Bücher weg. Ich bewahre sogar noch die hinduistischen spirituellen Ratgeber auf, die kostenlos an Straßenecken verteilt werden. Aber dieses Buch hat mich dennoch stark in Versuchung geführt.
Das grauenvollste Buch meines vorletzten Lesejahres; und da ich es im Rahmen eines Literatur-Oberseminars las, war ich gezwungen, mich auch noch intensiver damit auseinanderzusetzen.
"Atemschaukel" geht bekanntlich zurück auf die Erfahrungen des mit Herta Müller befreundeten Schriftstellers Oskar Pastior. Die Vorbereitung für den Roman verlief zweigleisig: Einesteils fragte Müller Pastior aus über das Lagerleben, andernteils trug sie ihm auf, ihr Wörterlisten anzufertigen. Warum Wörterlisten? Deswegen: Die Pointe des Buches ist nicht eigentlich die Schilderung des Lagerlebens (dass man hiervon einen recht ordentlichen Eindruck bekommt, ist das einzig Positive, das ich zu diesem Buch sagen kann, und der einzige Grund, aus dem ich ihm überhaupt einen Stern gegeben habe), sondern die Schöpfung eines Charakters, der ein eigenartiges Verhältnis zu den Wörtern hat, mit denen er umgeht. Und dies Verhältnis führt sich nicht zurück auf Erfahrungen Pastiors, sondern auf Erfahrungen von Herta Müller höchstselbst, wie sie das auch in ihrer Nobelpreisrede noch einmal bestärkt. Es ist nämlich so, dass Wörter und Sätze hier nicht primär Kommunikationsfunktion haben, sondern urplötzlich eine Eigendynamik entwickeln und Macht über Leben und Erleben des Protagonisten erlangen können. Ein (noch gemäßigtes) Beispiel:
"Auf dem Holzgang, genau dort, wo die Gasuhr ist, sagte die Großmutter: ICH WEISS DU KOMMST WIEDER.
Ich habe mir diesen Satz nicht absichtlich gemerkt. Ich habe ihn unachtsam mit ins Lager genommen. Ich hatte keine Ahnung, dass er mich begleitet. Aber so ein Satz ist selbstständig. Er hat in mir gearbeitet, mehr als alle mitgenommenen Bücher. ICH WEISS DU KOMMST WIEDER wurde zum Komplizen der Herzschaufel und zum Kontrahenten des Hungerengels. Weil ich wiedergekommen bin, darf ich das sagen: So ein Satz hält einen am Leben." (S. 14).
Es wäre noch relativ einsichtig bei einem solchen Satz, und es wäre verständlich, wenn eine solche Erfahrung zu etwas Peripherem des Inhalts würde. Aber tatsächlich dreht sich hierum das Buch, und es wird übersteigert in groteskst-möglicher Weise - auf einmal sind es die banalsten Wörter, die dem Erzähler-protagonisten entgleisen, was weiter und weitergeführt wird zu Nonsens-Wortspielen, die sich ebenfalls als roter Faden durch das Buch ziehen. Z.B. hier, ganz am Anfang:
"Meine Mutter sagte bei Tisch: Stich die Kartoffel nicht mit der Gabel an, sie fällt auseinander, nimm den Löffel, die Gabel nimmt man fürs Fleisch. Mir pochten die Schläfen. Wieso redet sie vom Fleisch, wenn es um Kartoffel und Gabel geht. Von welchem Fleisch spricht sie. Mir hatten die Rendezvous das Fleisch umgedreht. Ich war mein eigener Dieb, die Wörter fielen unverhofft und erwischten mich." (S. 10)
Selbst mein Professor kapitulierte irgendwann und versuchte, das Buch zu retten, indem er jenes Streben nach Sinn, das des Germanisten Arbeit am Text beherrscht, in Diskredit brachte: "Vielleicht gehört dies zu jenen Büchern, die zeigen, dass es vielleicht gar nicht unser höchstes Ziel sein sollte, Bücher zu verstehen. Vielleicht sollten wir manchmal einfach schweigend verharren vor dem Unverständlichen." Genau... Deswegen ist nämlich Germanistik auch eine Wissenschaft.
Wie auch immer: Diese Erfahrung der Eigenmächtigkeit der Sprache, die in Worten wie "Fleisch" oder ICH WEISS DU KOMMST WIEDER auf einmal Eigenmächtigkeit gewinnen kann, macht das Empfinden des Protagonisten gänzlich un-nachvollziehbar für den Leser; das Buch wird leer, sinnlos; ein Eindruck, der noch verstärkt wird durch die allüberall willentlich angebrachten sinnlosen Wortspiele. Als Leser bemühst du dich, dich einzulesen in die Geschichte - und plötzlich entgleist das Buch in Richtung Sinnlosigkeit. Und genau das Gegenteil des Geschilderten geschieht: Anstatt das die Worte Macht erhalten, verlieren sie mit ihrem Sinn auch ihre Macht, und als Leser hast du vor dir keine sinnvolle Geschichte mehr, sondern nur noch bloße, rohe Text-masse.
Wenn ihr meinen Rat hören wollt: Erspart euch das.