Leser-Rezension zu „Heute wär ich mir lieber nicht begegnet” von Herta Müller
am 20.03.2011
Herta Müllers Protagonistin ist bestellt. Punkt Zehn. Sie weiß was das heißt. Schon oft musste sie zum Verhör des Geheimdienstes. Pünktlichkeit ist dabei von äußerster Wichtigkeit. Im Verhör selbst hat zudem jede Bewegung und Geste die ihr Körper an den Geheimdienst Offizier zu senden vermag, ob unbewusst oder bewusst, Auswirkungen. Unmittelbare und direkte Folgen für das zukünftige Leben, die Qualität desselbigen und die damit verbleibende Lebensfreude. Alle geäußerten Gedanken, Absichten, Ideen und Überzeugungen müssen möglichst unverfänglich sein. Zudem passend. Passend zu den in den unzähligen vorigen Vernehmungen getätigten Aussagen.
Die Strecke die sie auf dem Weg zum Verhör mit der Straßenbahn zurücklegen muss, ist ihr wohl bekannt. Jede Haltestation bringt sie näher. Näher zu einer ungewissen Zukunft. Ist es vielleicht das letzte Mal? Wird sie diesmal nur den Hinweg bestreiten? In einer Art Voraussicht hat sie zumindest Zahnbürste und Handtücher eingesteckt.
„Heute wäre ich mir lieber nicht begegnet“ – wie so oft bei den Werken Herta Müllers, steht allein schon der Titel für diesen besonderen und ungewöhnlichen Umgang mit Worten, Bedeutungen und interessanten Assoziationen, die Müllers Sprache unwillkürlich auslösen kann. Auch das vorliegende Werk bildet dabei keine Ausnahme. Im Gegenteil, Herta Müller vollzieht auch hier wieder diese, ihre, unnachahmliche Wandlung von diesen so vielfältig und mannigfaltigen Bedeutungen der Sprache und der daraus folgende Neuinterpretation, so dass man nur fasziniert lesen und genießen sollte.
In dem vorliegenden Roman beschreibt Herta Müller das Leben einer Frau. Mit Hilfe von Rückblenden und in der Form von sich stetig weiter entwickelnden Gedanken. Die Autorin beschreibt dabei ein so dichtes und emotionales Leben und ein Schicksal, welches aufgrund der beschriebenen Handlung wohl auch viele Aspekte von ihrem, Herta Müllers eigenem Leben darstellt. Ein Leben das von stetiger Vorsicht vor Spitzeln, Verrat, politischer Unterdrückung und Unfreiheit geprägt ist. Jeder Versuch die Staatsautorität anzuzweifeln oder gar dem Staat durch Flucht zu entkommen, könnte auch der letzte sein.

