Der 17-jährige Cassel Sharpe führt ein relativ normales Leben, wenn man von seiner Familie absieht. In dieser sind alle außer ihm Fluchwerker - Leute die mit ihren Händen Flüche über andere wirken können. Cassel ist dahingehend ein Außenseiter und versucht deswegen ein normales Leben an der Wallingford Schule und dem zugehörigen Internat zu führen. Allerdings lastet, neben seinem Wissen über seine Familie und die Fluchwerker, ein Erlebnis aus seiner Kindheit auf seinem Gewissen - vor drei Jahren hat er seine beste Freundin Lila getötet, erinnert sich jedoch weder an den Tathergang, noch an die Beweggründe, die ihn zu diesem Mord verleiteten.
Als er eines Tages auf dem Dach der Schule erwacht und keine Erinnerung daran hat, wie er dorthin gelangt ist, ändert sich sein Leben Stück um Stück. Schnell wird ihm bewusst, dass er geschlafwandelt ist und im Traum einer seltsamen, weißen Katze folgte, die seine Zunge gestohlen hatte. Seine Lehrer glauben nicht an normalen Schlafwandel, sondern eher daran, dass er Selbstmord begehen wollte. Cassel wird der Schule verwiesen, bis ein Arzt attestieren kann, dass sich ein solcher Vorfall nicht wiederholt.
Cassel kehrt zu seiner Familie zurück und sein Großvater nimmt sich des Jungen an. Gemeinsam wollen sie das alte Haus entrümpeln, um es wohnlich zu gestalten, wenn Cassels Mutter aus dem Gefängnis entlassen wird. Auch trifft er seine Brüder Barron und Philip wieder, zu denen er nur losen Kontakt hält. Als die weiße Katze immer häufiger in seinen Träumen auftaucht und ihm sagt, dass nur er sie von ihrem Fluch befreien kann, beginnt Cassel nachzuforschen, was es mit den seltsamen Vorfällen auf sich hat, insbesondere da sich eine weiße Katze in der Nähe seines Elternhauses herumtreibt und seine Nähe sucht. Dass nicht nur diese Katze, sondern auch seine Brüder in die Sache verwickelt sind, führt ihn auf die Spur in die Vergangenheit und in seine eigenen Erinnerungen. Cassel muss dabei nicht nur entdecken, dass seine Brüder nicht das sind, was sie zu sein scheinen, sondern dass er selbst alles andere als ein normaler Mensch ist -er ist einer der seltensten Fluchwerker, die es gibt. Damit fangen seine Probleme erst an. Urplötzlich ist er in eine Intrige verstrickt, die bereits vor Jahren begann und jetzt seinen Höhepunkt erreicht...
"Weißer Fluch" ist der erste Band einer Trilogie von Holly Black, die im englischen Original ein wenig passender klingt - "The Curse Workers -White Cat". Die Geschichte ist seitens des Verlages als Thriller angepriesen, doch so ganz vermag das Buch nicht als solcher überzeugen. Sicherlich passiert einiges, es gibt viele Geheimnisse zu lüften und auch an Action und passenden Sequenzen mangelt es nicht, dennoch zieht sich das Buch unheimlich. Das mag ein wenig an den blassen Figuren liegen, aber auch an dem Stil der Autorin, der es nicht gelingt wirklich Spannung aufzubauen. Der Leser verfolgt zwar die Erlebnisse Cassels, doch er erlebt sie nicht mit. Dazu wirkt Cassel als Protagonist zu unpersönlich. Man liest zwar, was ihm alles wiederfährt, doch nie gelingt es Holly Black den Funken soweit überspringen zu lassen, dass man wirklich mit ihm leidet. Teilweise sind auch einzelne Handlungsbögen zu lang und inkonsistent; ebenso die Gespräche, die sehr gekünstelt und unrealistisch wirken. Sicherlich ist das auch dem fantastischen Element der Geschichte zu verdanken, doch manchmal machen die Charaktere innerhalb von Dialogen solche Gedankensprünge, dass man kaum hinterher kommt. Es fehlen wirkliche Identifikationsfiguren. Nicht nur Cassel ist farblos und wirkt dank seiner fehlenden Freunde und seines Misstrauens unsympathisch, auch die anderen Figuren können keine Pluspunkte sammeln.
Die Grundhandlung ist dabei durchaus spannend und die Idee mit den Fluchwerkern sehr schön. Ebenso ist das Ende gut gelungen, wenngleich man vieles schon im Vorfeld weiß und bereits auf der Hälfte sehr leicht herausfinden kann, wer welche Position einnimmt und was sich hinter dem Netz aus Lügen und Intrigen verbirgt. Doch es fehlt an einer fesselnden Handlung und den vielen Geheimnissen, die ein Buch erst spannend und interessant machen. Es wirkt zu glatt und konstruiert, man kann zu leicht hinter die Geheimnisse steigen.
Der Schreibstil Holly Blacks ist gewöhnungsbedürftig. Für meinen Geschmack ist er zu simpel gehalten, orientiert sich wohl an der gängigen Jugendsprache und wirkt daher sehr unreif. Er ist sehr einfach, was wohl der Hauptgrund dafür ist, dass es ihr nicht gelingt Spannung aufzubauen. Es fehlen die Beschreibungen der Umgebung, teilweise auch die Gedankengänge und Einblicke in Cassels Gefühlswelt. Letzteres passiert zwar, aber es wirkt merkwürdig nüchtern und trocken, obwohl "Weißer Fluch" in der Ich-Perspektive geschrieben ist. Ebenso ist die Wahl der Präsens-Form ungünstig, da sie wenig Möglichkeiten lässt, um spannend und abwechslungsreich zu schreiben.
Auch stören die unendlich vielen Einblicke und Einschübe in Cassels Vergangenheit, die zwar wichtig sind, aber doch sehr unpassend platziert wurden. Als Leser ärgert man sich darüber, wenn man mitten aus der Handlung gerissen wird, wenn ohne Ankündigung oder besonderen Grund plötzlich eine Rückblende folgt.
Insgesamt ist "Weißer Fluch" Geschmackssache. Holly Black bietet eine interessante neue Welt und hat tolle Ideen, scheitert jedoch deutlich an der Umsetzung. Es gelingt ihr nicht die Charaktere wirklich hautnah zu beschreiben und den Leser richtig zu fesseln; dazu ist ihr Schreibstil nicht ausgereift genug oder schlicht und ergreifend zu einfach. Schade, man hätte mehr daraus machen können...