Wieder einmal vergebe ich 4 Sterne. Das steht bei mir normalerweise für "sehr gutes Buch, dem nur noch ein gewisses Etwas für die persönliche Begeisterung fehlt". Insofern stehe ich voll und ganz zu diesen 4 Sternen für dieses Buch. Dennoch scheinen mir ein paar begleitende Erläuterungen notwendig zu sein. Denn man kann ein solches Buch einfach nicht auf eine Stufe stellen mit anderen, die auch von mir 4 Sterne erhielten - ein Thriller oder ein Unterhaltungsroman beispielsweise. Es scheint mir geradezu pervers, den nichtsahnenden Leser glauben zu lassen, dies sei etwa vergleichbar mit "Trigger" oder der "Dreizehnten Geschichte"! Nein, um diesem Missverständnis vorzubeugen, hier meine persönliche Deutung des Buches.
Schon von vielen Lesern habe ich gehört, dass sie das Buch vorzeitig abgebrochen haben. In der Tat ist es ein Werk, das vom Leser einen ausgesprochen "langen Atem" verlangt, ein Buch, das seinen Wert nicht völlig offensichtlich in rasanter Handlung oder spannendem Einstieg offenlegt. Es gliedert sich in vier Abschnitte, und wenn man auch nur einen davon auslässt, oder frühzeitig aussteigt aus dem Buch, so ist der Eindruck unvollständig. man muss / sollte schon bis zum Ende lesen, erst dann erschließt sich der Sinn des Ganzen, und was der Autor mit diesem Buch eigentlich sagen wollte.
Die Abschnitte Eins bis Drei haben in der Tat erzählenden Charakter. Teil Eins beschreibt einen einzigen, heißen Sommertag im England des Jahres 1935. Die Schwüle und zwischenmenschliche Spannung wird hier bei deutlichem Hinlesen (!) doch sehr gut spürbar. Es geht eben nicht um die Handlung an sich, sondern um vieles, was zwischen der Personen im Raum steht. Wie sie sich missverstehen. Wie der eine vom anderen zu wissen glaubt, was dieser denkt. Wie sich der Wechsel von einem Lebensabschnitt zum nächsten vollziehen kann, nämlich durch ein einziges Ereignis. Erst ganz zum Schluss dieses Abschnittes kommt es zu einer Art Handlung - die allerdings das Leben aller Beteiligten von Grund auf verändern wird.
Teil Zwei spielt bereits 5 Jahre später. Es ist schwierig, dies näher zu beschreiben, ohne sogleich das dramatische Geschehen aus Teil Eins vorweg zu nehmen, das sich der Leser besser selber erschließen sollte. Sagen wir so, einer der Beteiligten, für den es damals gar nicht gut ausging, befindet sich als britischer Soldat in Frankreich, auf dem Rückzug nach Dünkirchen. Er reflektiert gleichzeitig das Geschehen aus Teil Eins, und beschreibt seine Erfahrungen mit dem Krieg. Auch hier muss man wieder genau "hinlesen". auf den ersten Bllick überwiegt die Kriegshandlung (ziemlich drastisch sogar), auf den zweiten aber erhält der Leser einen tiefen Einblick in seelisches Geschehen, was Teil Eins sehr gut ergänzt.
Teil Drei ist in etwa zeitgleich zu Teil Zwei anzusiedeln. Eine weitere der damals beteiligten Personen wird in ihrem Leben "danach" geschildert. Sie scheint sich bewusst für einen schweren Lebensweg entschieden zu haben - sie wurde Krankenschwester, obwohl sie das Zeug zu einem Studium gehabt hätte. immer wieder wird dem Leser durch persönliche Einblicke klar: dies alles geschieht, weil die Person eben "Abbitte" leisten möchte, darauf begründet sich auch der Titel des Buches. Wieder wimmelt der Abschnitt von drastischen Details, die aber den Leser nicht davon ablenken sollten, auf die innere Erlebniswelt der Protagonistin zu schauen. Endlich beginnt sie zu ahnen, was sie damals angerichtet hat. Ein besonderes "Bonbon" in diesem Teil ist auch die Tatsache, dass der Leser zumindest teilweise eine "Auflösung" erhält. Was geschah wirklich in Teil Eins? die Protagonistin weiß es nun, und lässt es den Leser ahnen.
Teil Vier jedoch ist der "Knaller", der alles Vorhergehende in völlig anderem Licht erscheinen lässt! Das ist unmöglich wiederzugeben, ohne alles zu verraten. Teil Vier spielt in der Gegenwart, und wird erzählt in der Ich-Perspektive der Heldin aus Teil Drei. ein völliger Stimmungsumschwung findet hier statt. Vom allwissenden Erzähler in der dritten Person zur Ich-Perspektive. Briony ist Schriftstellerin geworden, und man fragt sich zum Schluss, war das ganze Buch nur ein Traum, was war wirklich, was falsch? man stellt sich in der Tat vielerlei Fragen. Was ist Schuld, und wie kann sie abgegolten werden. Was ist persönliche Verantwortung. Wie sehr formt Erinnerung unser Bewusstsein. Und noch viele Fragen mehr drängen sich auf. Eigentlich müsste man nun das ganze Buch noch einmal von vorne lesen. Doch diese überlasse ich lieber dem geneigten Leser dieser Rezension, denn ich selbst habe dafür im Moment eben nicht genug "langen Atem".
Es stimmt schon, das Buch ist durch und durch britisch, lebt sehr von "understatement", von Dingen "zwischen den Zeilen". Es hat mir sehr viel gebracht, erstens vorher den Film gesehen zu haben, und zur Originalfassung zu greifen. Denn die Sprache ist fast so etwas wie eine handelnde Person selbst. Die schwebenden Sätze tragen das Ganze, und besonders in Teil Eins wird dadurch diese entsetzlich träge Stimmung eines Sommertages deutlich, was sicher auch zur Zuspitzung der Situation geführt hat.
Im Rückblick faszinieren mich auch viele kleine Details, die immer aus verschiedenen Perspektiven geschildert werden, und so zu völlig anderen Deutungen bei den beteiligten Personen führen. Eine zuschlagende Balkontür: für die Mutter der Wind, für Briony im Garten ein Zeichen des Rückzugs. Das Berühren eines Hemdkragens: für Cecilia Ausdruck von Emotion, für den Betrachter aus dem ersten Stock eine Anklage. Ein abgerissenes Plakat: für den einen ein Zeichen von Sabotage, für den anderen ein Ausdruck persönlichen Frusts. Das Klackern von Absätzen auf Parkett, und ein dumpfes Geräusch im ersten Stock. für die Mutter auf dem Sofa Geräusche der Vorbereitung aufs Abendessen, für Lola jedoch... oh weh, lest selbst!
Letztlich kann ich es nur jedem von euch selbst überlassen, ob ihr dieses Buch lesen wollt. Wie gesagt: macht euch gefasst auf eine verlangsamte Lektüre, und haltet Ausschau nach Einzelheiten. Dann kann es sich wirklich lohnen!