Leser-Rezension zu „Die englische Flagge” von Imre Kertesz
am 15.10.2010
Braun zu Rot - Ungarn in den Fünfzigern. Das kollektive Vergessen greift um sich und die Nazis sind an allem Schuld was schlecht ist. Und so beschreibt Kertesz diese sich schleichend ausbreitende Willkür in der neuen Gesellschaft. Mahner, die als Juden Holocausüberlebende sind, werden zunächst überhört, dann versucht mundtot zu machen. Verfolgung setzt ein. Willige Helfer der einen Diktatur, sind auch willig in der Neuen ihre Chancen zu suchen. Kertesz legt seine Finger in die eitrige Wunde.
Doch hat er es nicht verstanden dieses so wichtige Kapitel der Geschichtsaufarbeitung in seiner Tiefe darzustellen. Kertesz verfängt sich zu oft in kleineren Episoden, die in ihrer gewaltigen Stimmung hätten kraftvoller wirken müssen - nach dem "Roman eines Schicksallosen" bin ich dankbar dafür, dass Kertesz auch den Opfern des Stalinismus eine Stimme gibt, jedoch wirkt diese nicht mehr spitzfindig naiv sondern schon fast enttäuscht. Ein unbedingt lesenswertes Buch, jedoch muss man es in das Lebenswerk und den Lebenslauf von Kertesz einzuordnen wissen.

