Leser-Rezension zu „Handy” von Ingo Schulze
am 18.04.2007
Magier der Banalität
13 Geschichten hat Ingo Schulze in seinem Erzählband "Handy" verewigt.
Und eines vornweg: seine Geschichten sind großartig!
Ich mag seinen Schreibstil und ich mag auch diese 13 Erzählungen.
Sie handeln von Erlebnissen in einem estnischen Schriftstellerheim oder wie er bei einer Lesereise in Ägypten auf der Straße wegen seiner langen Haare bewundert und verspottet wurde. Sie erzählen von einem Besuch seiner Mutter in Dresden oder als er eine alte Freundin - eine Schauspielerin - wiedertrifft. Ein andermal tritt er in St. Petersburg als Autor der "33 Augenblicke des Glücks" (übrigens der Titel seines ersten Buches) auf bzw. in New York erwähnt er beiläufig, gerade an dem Roman "Neue Leben" zu arbeiten...
Irgendwie sind dies alles Geschichten, die mehr oder weniger mit ihm - Ingo Schulze - zu tun haben und in denen alle Helden mehr oder weniger unglücklich sind, in denen sie mehr oder weniger zwischen Abschied und Aufbruch taumeln.
Doch Schulzes Geschichten sind deshalb keineswegs nur auf Moll gestimmt. Er hat vielmehr einen wachen Sinn für tragikomische Situationen.
Ich hatte das große Glück an einer Lesung dieses sympathischen Autors dabei zu sein und konnte so seine Geschichten noch einmal intensiv und entspannt "verarbeiten". Die wohl irrwitzigste Erzählung ist für mich "In Estland, auf dem Lande". Ich habe Tränen über die Bärenjagd des finnischen "Geldadels" gelacht. Mit wunderbar klar strukturierten, aber trotzdem sensationell erlebnisnahen Sätzen weiß er mit wenigen Worten eine Situation derart faszinierend zu beschreiben, wie es wohl nicht viele können.
Schulze kann in einer Szene ein ganzes Leben aufleuchten lassen. Er ist ein wunderbarer Erzähler gerade der kleinen Geschichten. Beiläufig stellt er die großen Fragen nach Zufall und Schicksal und untersucht, wie sich aus kleinen Begebenheiten ein Leben zusammensetzt. So gelassen seine Ich-Erzähler agieren, so sind sie doch meist nur unbeteiligte Zeugen. Oder sie leben ein Leben, für das sie sich niemals entschieden haben.
Schulzes Schreibstil besticht durch seine Bescheidenheit. Er plustert sich niemals auf, drängt sich nicht wortreich in den Vordergrund, sondern besinnt sich aufs Erzählen. Es ist ein Stil, der nicht auffällt, aber deshalb gerade so gut ist.
Ich wünsche Ingo Schulze, dass er in der "Villa Massimo" in Rom noch viele solcher wunderbaren Inspirationen bekommt und...
Herzlichen Glückwunsch zum "Preis der Leipziger Buchmesse" 2007!
Ein wahrhaft verdienter Gewinner!

