Selten ist es mir so schwer gefallen eine Rezension zu schreiben wie hier. "Der König" von Ingrid Ganß.
Fast 10 Jahre nach ihrem Wahnsinns-Debüt "Der Spielmann", hatte ich eigentlich mit gar keinem Buch der Autorin mehr gerechnet, erst recht nicht, mit einer Fortsetzung des Spielmanns. Und die Begeisterung darüber, sowie die Vorfreude auf das Buch, waren riesengroß. Folglich auch meine Erwartungen. ...auch wenn ich mir schon gedacht hatte, dass eine Fortsetzung dem Spielmann nicht das Wasser würde reichen können.
Und nun? Ich habe den König gelesen und muss meine unwillkürliche Enttäuschung versuchen in Worte zu fassen.
Elisabeth. Damals, nach dem dem ersten Band, erschien es mir sehr nachvollziehbar, dass Elisabeth erst mal ohne Jakob ihrer Wege gegangen ist. Und ich war nun besonders neugierig was sie in der Zeit erlebt hat. Aber nur sehr langsam trudeln Informationen darüber ein, was in den immerhin einigen Jährchen geschah. Sie lebt schon länger bei ihrer an Konventionen gebundenen, prüden Cousine Eleonore: Bücher, Handarbeiten, Wohltätigkeiten... in keuscher und wohl ausgestatteter Askese zurückgezogen, unglücklich, zaudernd und frustriert, fristet Elisabeth ein liebloses Dasein. Als Ablenkung dient allein ab und an der Besuch der alten Freundinnen. Dann wird französisch parliert und es ennuierte mich manchmal, deren Gesprächen zu lauschen. (Par Dieu! - diese Dämchen am Hofe...)
Andreas taucht auf und will ihr den sturen Kopf gerade rücken, damit sie nicht vollends vertrocknen solle. Bei Jakob ist er mit dem Appell schon gescheitert. Als Elisabeth dann mit Andreas im Heu landet, ändert sich die Motivation. Dann lässt sie plötzlich doch ihre Bücher zurück, ihre Kräuterbeete, ihre Schreibfeder und begibt sich doch noch nach Reupen um Jakob zu finden, welcher, wie wir ja mittlerweile wissen, der König von Reupen, KEIN Spielmann, ist. Den Spielmann findet sie auch nicht mehr... Philipp (alias Jakob) hat den Zwängen seines Regierungsjobs, sein freies Spielmannsleben geopfert, hat die Laute abgelegt, dafür Verantwortung geschultert. Jakob ist und bleibt verschwunden und Elisabeth wird das Liebchen Philipps des Königs. Sonst nichts. Da wären wir schon auf Seite 300bla. Oh je.. kam nach der zähen Anfangshürde durch Elisabeths Begegnung mit Andreas ENDLICH die Geschichte in Schwung, stagniert sie leider 100 Seiten später schon wieder. Elisabeth verharrt, als des Königs heimliche Bettgefährtin, sehr lange in der Durchgangs-Bauernkate. Zu lange. Unschlüssig, ziellos, dümpelt das Geschehen, entsprechend der Perspektivlosigkeit der handelnden Personen, vor sich hin. Der Sog, das Mitreißende fehlte mir und ich wünschte mir die ganze Zeit das irgendjemand Philipp, oder der Geschichte, oder gar Elisabeth endlich mal kräftig in den Hintern tritt!!
Der Tritt blieb aus, folglich auch die Inspiration.
N'est-ce pas?
Der Schwachpunkt am König ist zweifelsohne die Geschichte. Das Korsett des Erstlings war das Märchen vom König Drosselbart. (DER war spannend, absolut unvorhersehbar in seiner Vorhersehbarkeit, sehr, sehr ausdetailliert und lebendig.)
Nun, hier muss man sich die ersten 200 Seiten regelrecht durchbeißen. Man kann weder nachvollziehen was Elisabeth resignieren ließ, noch was den König eigentlich abhält. Man erfährt von einem Treffen im Dorf seiner Großeltern, aber man bleibt als Leser einfach etwas zulange irritiert und unverständig.
Man kann es Ingrid Ganß aber nicht unbedingt vorwerfen, denn selbst mit Zuhilfenahme aller meiner Phantasie hätte ich keine Geschichte entspinnen können, die den Faden wirklich ergiebig und schlüssig dort weiterspinnt, wo der erste Band aufgehört hat.
Auch hier muss ich aber nachdrücklich die Sprache von Ingrid Ganß loben! Ihre Schreibe ist noch dieselbe, sie findet viele schöne Bilder und nimmt sich sehr viel Zeit für Kleinigkeiten, Dialoge, Momente. Alles blüht. Und das ist wichtig, denn es bewahrt den König davor, ein schnöder einfältiger Ableger à la "Die Wanderhure" zu sein. Barbel, Margarethe, Felizitas, der Hofmaler, Elias, Martin, der junge hübsche Fant. Ich hatte diese Leute mit samt Klamotten deutlich vor mir, mit allen Details und vielfältigen Charaktereigenschaften. Je suis entzückt, vraiment.
Dann, als das Buch von der Erzählstruktur her, wieder Fahrt gewinnt hält es erneut inne und man ist aber zumindest froh, langsam ansatzweise zu begreifen was Jakob/Philipp eigentlich vom Leben abhält.
Was im ersten Band das Herausbilden der Persönlichkeit, Erwachsenwerden und Erwachen der Sinnlichkeit war, ist hier unverblümt und fast frivol. Egal ob der Stallbursche, der eigene Cousin, oder der Müllersbursch Andreas, alle erwecken den sexuellen Appetit der Heldin. ;-)
Alors, der Liebesreigen, der sich hier entspinnt, und die erotischen Anziehungen, fand ich eigentlich sogar recht erfrischend. Jeder ist, so erschien es mir, irgendwann mal von jedem erotisch angezogen. König, Magd, Vagant, Küchenhilfe, Stallburschen, königlicher Hofmaler und jüdischer Finanzier nicht ausgeschlossen. Manchmal wurde es mir aber echt auch zuviel... Kaum zu glauben die Sexualität steht im eigentlichen Zentrum des Buches. Im Spielmann war es die persönliche Entwicklung bzw. Emanzipation und hier... Jedem sind aufgrund seiner Stellung die Hände gebunden. Dann der stets drohende Pranger für das unkeusche Weib, oder die Ehebrecherin, bzw, deren Bedrohung durch eine uneheliche Schwangerschaft: DIE Katastrophe für eine Frau in dieser Zeit. Allerdings ist das Spannungsfeld zwischen ehrbarer Frau und Hure irgendwann mal ausgereizt.
Oh, pardon, lach das ist KEIN erotischer Roman. Ich meine damit eher welche Stellung, oder große Bedeutung die Sexualität hier für den jeweiligen Lebensentwurf der handelnden Personen bedeutet.
War "Der Spielmann" schon schwer in ein Genre einzuordnen (Märchen, historischer Roman UND Romanze), so fällt mir das hier noch schwerer. "Der König" ist überhaupt kein Märchen mehr, er ist noch viel weniger als sein Vorgänger ein historischer Roman, obwohl er hierfür Gelegenheit gehabt hätte. Bleibt die Romanze. Das ist er auch nicht wirklich... Daran krankt der König.
Finalement: Das feine Zusammenwirken menschlicher Charaktere und Gefühle, machen das Buch alles andere als oberflächlich. Ingrid Ganß hat einen fein geknüpften, farbenfrohen, reupischen Teppich vor uns ausgebreitet. Man hat die Menschen bildlich vor sich. Plastisch und unverblümt ehrlich. Eine Stärke von Frau Ganß. Eine formidable Erzählerin.
Aber die Story will und will einfach nicht in die Puschen kommen! Ich für meinen Teil, bin deshalb nicht sehr content mit dem Buch. Hingegen erscheint mir, wenn ich die Kritiken hier lese, andere scheinen eher glücklich damit gewesen zu sein. Immerhin.