Leser-Rezension zu „Das kunstseidene Mädchen” von Irmgard Keun
am 29.10.2010
"Ich will schreiben wie Film ... dabei hat richtige Bildung mit Kommas gar nichts zu tun ... denn lieber gar keine Kommas als falsche." Das sagt einiges über Doris, die Titelheldin des Romans (1931/32) von Irmgard Keun (1905 - 1982) aus.
Doris ist das, was man schon während der goldenen 20er in der Weimarer Republik einen Backfisch oder Schaumschläger hätte nennen können. Aber eben diese Unbedarftheit macht die Figur so reizend und urkomisch.
Doris will aus der kleinen Stadt in die große Stadt, zum Film und auf die Bühne, zum "Glanz" aber sie ist eben nur eine Sekretärin, tippt Briefe ab und das noch nicht einmal korrekt. Ihr Weltbild misst sich an dem, wie teuer die Zigaretten ihrer männlichen Begleiter ausfallen und dabei gibt es auch ganz ehrliche, gute Seelen, die Doris jedoch nicht gebrauchen kann auf ihrem Weg ganz nach oben.
Am Tage nämlich, wenn Doris nicht ausgeht, ist sie eine ganz reale, so sparsam, dass sie die Pralinen, die sie nicht mag, wieder zusammenquetscht, dass sie "wie neu aussehen" (S. 15). Ihren Chef schimpft sie ein "Pickegesicht", denn Doris drückt jedem einen Stempel auf und legt sehr viel Wert auf Äußerlichkeiten und Äußerlichkeit ist auch immer gleich bedeutend mit Innerlichkeit. Sie sammelt ihre "Erlebnisse", die sie in ein Tagebuch schreibt.
Das Tagebuch ist das Fenster, das den Leser in Doris´ Leben hineinschauen lässt. Doris´ Selbstbewusstsein ist Fassade, aber zunächst groß und sie genießt es, dass sich ihre Freundinnen an ihrem "Schicksal festleben", weil sie "kein eigenes mehr hat [die Freundin] wegen ihrem Verheirateten." (S. 18).
Doris hat den "Ehrgeiz wegen Weiterkommen" (S. 20). Sie weiß mit ihren Reizen umzugehen: "und guck schon gleich beim Reinbringen [Akten] wie Marlene Dietrich so mit Klappaugen-Marke: husch ins Bett." (S. 23). Sie träumt von einem Dasein als "Gelbstern", weil ihr das passende Wort fehlt und sie wünscht sich silberne Schuhe. Das ist ihr "Tangomärchen" (S. 29). "Und kein Talent haben ist schlimmer als im Zuchthaus sein" (S. 39).
Und tatsächlich: sie schafft es bis zum Theater, wo eine großartige Konkurrentinnen-Szenerie nicht lange auf sich warten lässt. Konkurrenz ist die "dicke Blonde, die vor Fett quietscht und im Gesicht immer so rot ist wie eine Tomate und Linnie heißt." (S. 33). Aber da gibt es auch "Pilli, die gequetschte Latte" (S. 37) Doris spielt dann auch ironischerweise die Marketenderin in Schillers "Wallentseins Lager" (S. 35) und weiß überhaupt nichts mit dieser Figurenrolle anzufangen. "Und weil die zwei Weiber, die Marketenderin heißen, doch so ein Odeur haben, denke ich mir - es kommt von Marke."
Fremdwörter werden des Klanges wegen eingestreut und rücken die Heldin in ein lächerliches Licht, "denn imerzu sind in meinem Leben Dinge, die ich nicht weiß" (S. 40). Und dennoch kann sie einem Leid tun, die Doris, die ganz groß heraus wollte. Denn immer zu "spricht er fragende Wort zu mir voll Interesse von oben nach unten und ohne Erotik, was ich mir aber zum Teil auch damit erkläre, dass Mittag war und er noch nicht gegessen hatte" ( S.42). Zweideutige Genüsse stellen sich immer weider neben Gewissenskonflikte bezüglich der Männerschaft.
Auch scheut Irmgard Keun nicht vor der Rassenfrage, mit der sie privat konfrontiert wurde. Sie geht 1935 ins Exil, nachdem die Nazis ihre ersten beiden Romane "Gilgi - eine von uns" und "Das kunstseidene Mädchen" auf den Index stellten.
"Wie die Industrie [Metonymisch für einen Industriellen] dann betrunken war, kam es ihr nicht mehr so drauf an [ob die Begleiterin des Abends Jüdin war oder nicht], und sie wollte" (S. 46).
Die Naivität im Stil spiegelt die Naivität des "künstlichen" Mädchens, immer auf der Suche nach dem Glanz, wider. Kunstseide, keine echte. Nichts ist wirklich glamourös in Doris´ Leben, nichts von Qualität und Dauer. "Man sollte nie Kunstseide tragen mit einem Mann, die zerknautscht dann so schnell, und wie sieht man aus dann nach sieben schnellen Küssen und Gegenküssen? Reine Seide - und die Musik" (S108 f.).
Schnelligkeit, Praktikabilität, das spricht für die Neue Sachlichkeit in der Weimarer Republik. Und am Ende holt Doris die Realität einer Welt am Vorabend des nächsten Krieges ein und ein Mann, der es ehrlich meinen könnte, aber mittellos ist. Doris macht eine Wandlung durch und gesteht sich in der letzten Zeile ein: "Auf den Glanz kommt es nämlich vielleicht gar nicht so furchtbar an." (S.219).
Ohne Zweifel der bedeutenste Roman einer großen Autorin, der man autobiografische Anlehnungen an Doris trotz vehementen Abstreitens nicht absprechen mag. Irmgard Keun ist ein Kind zweier Weltkriege, gezeichnet, nie wirklich erfüllt und glücklich.
I.Hübner
Kommentare zu dieser Rezension
Moni 3007 vor 1 Jahr
Eines meiner Lieblingsbücher. Ja, sie wollte ein Glanz sein. Ich war sehr beeindruckt von dem Buch.


