Rezension verfasst vor 3 Jahren
(7)
"Du mußt gegen Dich und andere unbarmherzig sein. Spare immer und überall und mit allem, und kümmere Dich um nichts und niemand."
Das schärft Rajkas Vater, einst einer der angesehensten serbischen Geschäftsleute Sarajewos und infolge seiner Gutmütigkeit bankrott gegangen, seiner Tocher auf dem Sterbebett ein. Streng hält sich die Fünfzehnjährige an seinen Rat, unterjocht die sanfte Mutter; und bald wird ihr ganzes Leben nur noch vom Traum von der "Million" bestimmt. Wie die Geschäfte des "Fräuleins" gedeihen, wie sie erfolgreich alle menschlichen Regungen verdrängt und schließlich bei der Begegnung mit dem jungen Ratko doch ihre Prinzipien über Bord zu werfen bereit ist, das erzählt dieser großartige, immer tiefere Schichten aufdeckende Roman vom Leben einer Frau in den Metropolen Sarajewo und Belgrad während der österreichischen Herrschaft, der Wirren des 1. Weltkriegs und der Nachkriegszeit.
Nur durch Zufall ist mir dieser Roman in die Hände geraten. Ich wußte nicht, dass Ivo Andric, ein bosnischer Schriftsteller, den Nobelpreis für Literatur bekommen hat und deshalb war ich neugierig.
Ich bin nicht enttäuscht worden. Die Sprache des Romans mag altmodisch und ein wenig umständlich sein, das "Fräulein" ist sicher als Charakter auch nicht gerade eine Identifikationsfigur für uns moderne, "emanzipierte" Frauen des 21.Jahrhunderts.
Wenn es dem Leser/der Leserin aber gelingt, sich von der eigenen Gegenwart zu lösen und die Geschichte als das zu lesen, was sie ist, nämlich die Beschreibung eines Frauenlebens zu Beginnn des 20.Jahrhunderts, dann hat sie in ihrer Kernaussage auch heute noch Gültigkeit.
Frauen haben es immer noch schwer, trotz aller Emanzipationsbestrebungen, sich in einer immer noch in weiten Teilen männlich dominierten Welt zu behaupten. Daran ändern auch die Pille und die Möglichkeit, sein Leben selbstständig zu leben, nichts.
So gesehen ist das "Fräulein" sehr modern, weil sie ihr Schicksal selbst in die Hand nimmt, auch wenn sie ohne den Rat und die Hilfe von Männern nicht auskommen kann. Was dieses bis ins kleinste Detail ausgefeilte Porträt einer zwanghaften Persönlichkeit so spannend macht, ist, dass sie die vielen Möglichkeiten, die sie hat, ein anderes, vielleicht erfüllteres Leben zu leben, so rigoros und so endgültig verwirft. Und dass es letztendlich doch die Männer und ihre Erinnerungen an sie sind, die sie ihre unendlich mühsam erkämpfte Unabhängigkeit zerstören lassen.
So wird diese Frau am Ende doch ein wenig sympathisch und menschlich. Es ist ihr unmöglich, die Weichheit in ihr endgültig zu töten und sie muß sie, auf eine sehr eigene, beschränkte Weise, ausleben, obwohl ihr klar ist, dass dies ihr Ruin und ihr Tod sein wird.
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