Leser-Rezension zu „Unter Mördern” von Jörg Isringhaus

Rezension als hilfreich gekennzeichnet: (10)

gina_mayer gina_mayer
Verfasst von gina_mayer
am 4.07.2010
 

Jörg Isringhaus´erster Roman ist ein Thriller auf zwei Ebenen: Auf der einen Seite steht Birger Dahlerus, ein schwedischer Unternehmer, der im Sommer 1939 mehr oder weniger zufällig in die Rolle eines Vermittlers zwischen Deutschland, England und Polen gerät. Dahlerus, ein Idealist und Bekannter Hermann Görings, versucht den Kriegsausbruch zu verhindern und scheitert.
Birger Dahlerus und seine diplomatischen Bemühungen sind historisch überliefert. Die zweite Hauptfigur - der deutsche Überläufer und Agent Richard Krauss, der im Hitlerdeutschland eine persönliche Rechnung offen hat, ist dagegen eine fiktive Gestalt. Auch der ominöse Nazigeheimbund „Die Söhne Odins“ und Hitlers heimlicher Sohn Philipp, den Krauss in England vor seinem Vater und dessen Anhängern versteckt hält, sind Erfindungen des Autors.
Aus diesen beiden Fäden – einem historischen und einem fiktiven - knüpft Isringhaus einen Thriller, der den Leser von der ersten Seite an packt und mitreißt. Dabei fasziniert nicht nur die ausgesprochen action-geladene Handlung, Isringhaus schafft es, den Leser in die historische Situation vor dem Ausbruch des zweiten Weltkriegs hineinzuziehen. In diese Wochen und Tage vor dem deutschen Überfall auf Polen, als Außenstehenden wie dem Schweden Dahlerus noch alles offen und ein Krieg vermeidbar schien, obwohl die Entscheidungen längst getroffen und die Weichen gestellt waren. Die tragische Figur Dahlerus ist für mich der vielschichtigste und interessanteste Charakter des Romans.
Aber auch bei den anderen Protagonisten – dem Zyniker Krauss und seinem Bruder Edgar, selbst bei Hermann Goering – verzichtet der Autor auf Schwarz-Weiß-Malerei. Bis zum (wirklich sehr gelungenen) Schluss entwickeln die Charaktere immer neue, überraschende Aspekte. Nur die einzige weibliche Protagonistin Oda bleibt leider das blasse Abziehbild einer 30er Jahre Lara-Croft.
Mein Fazit: Ein spannendes, gelungenes, empfehlenswertes Debüt.
Eine stilistische Eigenart Isringhaus hat mich allerdings während der gesamten Lektüre so genervt, dass ich sie hier noch bemängeln muss. Der Autor reiht seine Sätze ständig ohne Konjunktion und Personalpronomen hintereinander auf. Das liest sich dann so: "Er beugt sich vor, zieht die oberste Schublade auf. Krauss nimmt den Revolver heraus, betrachtet ihn im Schein der Kerzen."
In der gleichen abgehackten Weise sprechen auch die Charaktere. Göring – und sogar Hitler selbst: "Die rote Reichsregierung wollte mich damals niederdrücken, wollte mich zerquetschen wie ein lästiges Furunkel."
So schreibt aber nicht nur Isringhaus, so lesen sich zurzeit fast alle deutschen Krimis. Es treibt mich zum Wahnsinn. Vielleicht ist es eine Verschwörung der Krimiautoren, man sollte der Frage mal in einem Thriller nachgehen ...

 

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Unter Mördern Unter Mördern
Jörg Isringhaus

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Unter Mördern
von Jörg Isringhaus

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