Ein Aufschrei geht durch die Lesergemeinde. Dieses Buch spaltet, entzweit und polarisiert. Der eingefleischte Allgäuer entwickelt Aggressionen, der nicht weniger eingefleischte Krimi-Fan rauft sich die Haare. Und der Rezensent? Der muss sich entscheiden, wozu er gehören will. Aber in der Hauptsache lacht er sich einfach schlapp.
Mein "Problem", wie so oft, besteht darin, dass ich im Prinzip beide Seiten verstehen kann. Ich weiß nicht, wie ich reagiert hätte, wenn ich Allgäuer wäre, und dieses Buch über mich und meine Region hätte lesen müssen. Andererseits ist der Autor selber ja Münchner, also durchaus Bayer. Es wird an der persönlichen Toleranz- und Schmerzgrenze liegen, ob man diesen Stil als "Nestbeschmutzung" empfindet oder nicht.
Als Krimi-Fan wird die Beurteilung erst so recht knifflig. Stimmt, ein klassischer Krimi ist dies sicherlich nicht. Wer eine spannende Ermittlung und ausgereifte Verfolgungsjagden mit detektivischem Spürsinn erwartet, der wird nahezu zwangsläufig enttäuscht werden. Gut, fangen wir mal an diesem Ende an, das Buch aufzurollen...
Es beginnt mitten im Chaos. Eine Situation wird geschildert, und die entwickelt sich aus einer schrägen "Keimzelle" heraus immer weiter ins Schrille und Absurde hinein. Der Anfang des Buches, also mindestens die ersten fünf Kapitel, haben mich durchaus an ein Chaos-Wimmel-Bild à la Mordillo oder Jan van Haasteren erinnert - wem das was sagt. Der Hauptakzent liegt eindeutig auf der Schilderung des Lustigen und Absurden - "Ermittlungen" im klassischen Sinne finden kaum statt. Der Kommissar und sein recht heiteres Team stolpern in diese Umstände einfach hinein. Fast bis zur Mitte des Buches dauert es, bis sie herausfinden, was wirklich geschah - bis also ein Straftatverdacht überhaupt besteht. Und auch danach gibt es wenig "klassische" Ermittlungsarbeit. In der Hauptsache unterhalten sie sich einfach, und entwerfen Thesen, wobei die eine absurder und komischer ist als die andere. In einem solchen Team würde ich auch gerne arbeiten! Zwar sind die Charaktere nicht wirklich ausgearbeitet, aber der Autor hat doch darauf geachtet, eine Mischung zu erschaffen, die für Stimmung sorgt: ein Kommissar mit einer seltenen neurologischen Krankheit, eine Preußin im Team (aus Recklinghausen, jawohl!), eine Profilerin mit seltsamer Vorgehensweise, Leute von der Spurensicherung mit schwarzem Humor... es ist einfach köstlich!
Das Buch wird lediglich durch Zufälle und die sich weiter explosiv entfaltende Handlung vorangetrieben. Man sollte also kein Verfechter von Logik in Kriminalromanen sein! Allerdings kann ich dem Leser garantieren, wenn er sich von seinen üblichen Erwartungen verabschiedet und sich auf diesen Stil einlässt, dann warten etliche Heiterkeitsausbrüche auf ihn! Dieses Buch in der Öffentlichkeit zu lesen, dürfte also heikel sein. Ach, es ist so schwierig, den Witz wirklich zu beschreiben, ohne dem Leser den Überraschungseffekt zu nehmen. Sagen wir so, der Autor hat seine Fähigkeiten als Kabarettist voll ausgeschöpft. Am Ende laufen Fäden zusammen, die man nie vermutet hätte, und die Schlussphase des Buches über sollte man sich wirklich Taschentücher bereitlegen, um die Lachtränen zu bekämpfen, die sich aus der schrillen Komik ergeben. Die Komik ergibt sich hier aus verschiedensten Quellen: einerseits aus den Charakteren, die aufeinander treffen, zweitens aus dem trefflich geschilderten rabenschwarzen Humor (die Haupttäter sind nämlich Bestatter!), aus etlichen "running gags", die sich im Laufe des Buches entwickeln, und natürlich aus der Veralberung des Allgäus an sich.
Es ist dabei nicht so, dass es sich um lauter platte "Schenkelklopfer" handelt, oh nein! An manchen Stellen muss man schon recht genau hinlesen, um den Witz zu entdecken. Ich persönlich finde, man versteht das Buch noch besser, wenn man weiß, dass der Autor Musikkabarettist ist. In der Tat geht ja die Handlung von einem Konzertsaal aus. Etliche Elemente der Handlung drehen sich um Konzerte in Kurorten, um das Verhalten von Besuchern derselben, um die Nutzung von Kulturtempeln, etc. pp. Das ist durchaus sehr kritisch und zutreffend beobachtet! Meine Lieblingsstellen spielen während der Auftritte der Pianistin Pe Feyninger. Schon allein, wie ihr Auftrit beschrieben wird, hat mir die Lachtränen in die Augen getrieben: Chopin wird zu PIRLLILI- PÜM- PÜM- PLING. Einfach göttlich!!
Mehr mag ich zu dem Buch einfach nicht sagen. Sonst zerrede ich es, und das wäre schade. Ich kann nur jedem Leser, der einen Sinn für das Schräge, Absurde, und für schwarzen bis schwärzesten Humor hat, raten, sich auf dieses Buch einzulassen. Und Taschentücher bereitzulegen!!