Welche Form von Konventionen und (damit verbundene) Schande gibt es in einer Welt noch, in der Gott oder eine göttliche Idee nicht mehr die größte bzw. die eindämmendste Rolle spielen?
Das, so könnte man es vielleicht grob formulieren, ist ein Grundthema des Romanes.
Die Handlung ist schnell erzählt, dabei aber dennoch so vielschichtig:
David Lurie, gelangweilter, geschiedener Professor für Literaturwissenschaft an der Technischen Universität von Cape Town, hat eine Affäre mit einer Studentin, die ein Verfahren gegen ihn einleitet, David quittiert seinen Dienst und geht für eine Weile nach Grahamstown zu seiner Tochter Lucy, die dort auf einer Farm lebt und sich um Hunde kümmert.
Damit ist ein Thema umrissen, vor dessen Hintergrund beinah parallel große Fragestellungen aufgeworfen werden..
Aus der Sicht von David wird diese Geschichte erzählt und beschreibt in den leisen Tönen eines Skeptikers die Problematik des Zusammenlebens von Schwarzen und Weißen, wobei hier eine 'neue', ja, andere Sicht durch die Erzählweise eingenommen wird. Dies ist wohl auch der Grund dafür gewesen, dass das Buch bei Erscheinen eine große Zwiegespaltenheit ausgelöst hat. Denn hier blickt David mit einer sehr differenzierten Haltung auf die Schwarzen, die offensichtlich das Dasein von Weißen in ihrer Arbeitsumgebung nicht wirklich akzeptieren, diese bestehlen, vergewaltigen und verdeckt bekämpfen. Wenn man es nicht derartig grob ausdrücken will, kann man schlichtweg darauf verweisen, wie distanziert die Beziehung dieser Kulturen im Text zu sein scheint. Man arbeitet miteinander, hilft sich bei den nötigen Arbeiten des täglichen Lebens, aber es gibt scheinbar keine freundschaftlich-herzliche Bindungen, diese existieren im Roman nur zwischen den "Rassen" untereinander. Dabei ist der Wille des Zusammenlebens auf Seiten der Weißen durchaus da. Doch man ahnt sie, die lauernde Beobachtung der Anderen, die in eigenen Strukturen leben.
Der Leser erfährt den befremdeten Blick Luries auf das Leben seiner Tochter, so fern von zivilisierten, Großstadt-typischen oder westlichen Lebensweisen. Einer Tochter, die nicht nur der Liebe zu Männern, sondern auch fürsorglichen Ratschlägen ihres Vaters abgeneigt ist.
Dabei erleben Vater und Tochter eine unglaubliche Erschütterung auf der Farm: drei schwarze Männer rauben sie aus, vergewaltigen Lucy und zünden Davids Haare an. Dies bildet auch die Grundlage für alle weiteren Gedanken Davids, die seine vergangene Situation um Melanie, seine Studentin, reflektieren, die im selben Alter wie seine Tochter ist, grundlegende Themen des Lebens und Liebens behandeln, wie sie ein 52-Jähriger Mann empfindet, der durch eine linguistisch-literaturwissenschaftliche Ausbildung und langjährige Dozententätigkeit an der Universität geprägt ist und nun mit einem Mal ein anderes Leben leben muss und sieht, wie dieses nicht mehr die metasprachlichen Fähigkeiten, sondern Handeln, Helfen, Arbeiten, Nichtnachfragen fordern.
Dabei zeigt sich in vielen Facetten die Frage nach Schuld, Hass, menschlichem Versagen (?) und dem Umgang damit für das eigene Leben.
David kann die sozialen Bedingungen seiner Umgebung nicht ändern, nein, das kann er nicht. Er vermag auch seine erwachsene Tochter, die ihre eigene Entscheidungsfreiheit fordert, nicht zu bevormunden, aber er kann sein Leben leben, so wie es ist. Und dies zeigt "Disgrace" in vielen Momenten, und darüber hinaus wohl noch ein bisschen mehr, etwa, wie man in einer Welt ohne eine leitende göttliche Idee und schlichtweg vorherrschenden Grenzen der menschlichen Interaktion verfährt. Dies tut der Roman nicht moralpredigend, sondern einfach, indem er erzählt und zeigt.