Leser-Rezension zu „Tagebuch eines schlimmen Jahres” von J. M. Coetzee
am 21.02.2011
Das Druckbild der zwei, dann drei verschiedenen Ebenen unterhalb und oberhalb der seitenintern abgrenzenden Striche auf jeder Seite des jüngsten Werkes von J. M. Coetzee, „Tagebuch eines schlimmen Jahres“, hat mich gleich an ein vor Jahrzehnten geschriebenes Buch von Louis Paul Boon erinnert, das ich vor etwa zwei, drei Jahren antiquarisch erworben habe: „Menuett“. Auch hier fand sich ein Trennungsstrich auf jeder Druckseite: Nur wurden da zwei sehr unterschiedliche Erzählungen miteinander verwoben bzw. zusammengezwungen, um in der Konfrontation womöglich neue Blicke zu eröffnen. Ähnlich auch bei Coetzee, allerdings so, dass bei ihm Erzählerisches von Essayistischem unterschieden und Seite für Seite versuchsweise damit verbunden wird.
Mit Blick auf Coetzees Buch könnte man nun respektlos böse sein, zumal es euphorische Kritiken zu diesem Buch (unter Einschluss des Klappen- und Rückseitentextes) schon genug gibt.
Coetzee hatte ursprünglich eine Essaysammlung veröffentlichen wollen, war damit wohl aber nicht ganz zufrieden. Es fehlte ihm - abgesehen von dem zum Teil ja auch bereits konventionell gewordenen zeitdiagnostischen Pessimismus aller Essays - am Ende vielleicht doch soetwas wie das geistige Band und die nachvollziehbare geistige Gewichtung. Da nun aber auch der hinzugefügte erzählende Teil als Roman nicht hätte allein bestehen können, wurde beides vorsichtshalber zusammengenommen, damit es sich wie die fallenden Steine eines Gewölbes womöglich wechselseitig zu stützen vermöchte. Um sich aber gegen jede denkbare Kritik überhaupt immun zu machen, erfand sich der Autor neu. Er ersetzte sich durch ein alter ego an Schriftsteller, der zwar immer noch gewisse Ähnlichkeiten mit ihm selber als Autor aufweist, aber vorsichtshalber fünf Jahre älter gemacht wird und so auch nicht alle Lebensgewohnheiten und -umstände mit ihm teilen muss. Da der nun also als Ich auftritt, hat Coetzee ihm auch seine eigenen Essays vermacht und sich so ein wenig von der gedanklichen Verantwortung dafür befreit. Hätte er das nötig gehabt? Um dies zu überprüfen, müsste hier die fiktionalperspektivisch ungebrochene, gedankliche Auseinandersetzung mit dem Gehalt der Essays selber einsetzen.
Überhaupt müsste das Buch mindestens zweimal, wenn nicht dreimal gelesen werden. Ich habe erst meine erste Lektüre hinter mir. Zunächst hatte ich die beiden Anfangsessays gelesen, danach den ganzen unter dem Strich befindlichen, leicht lesbaren dreistimmig erzählenden Teil des Essayromans und erst dann wieder sämtliche Essays der Reihe nach hintereinander.
In einer zweiten Lektüre müsste ich nun das ganze Buch über die Trennungsstriche hinweg Seite für Seite in der verfremdenden Reihenfolge lesen, wie es gedruckt worden ist, und so vielleicht zu einem weiteren Ergebnis kommen.

