Was Coetzee hier schildert, nimmt sich wie ein Schreckensszenario aus, wenn es denn nicht so normal wäre, so menschlich verständlich, so alltäglich. Manchmal ist es so erschreckend normal, dass man glauben möchte, der Autor schreibt hier über nichts anderes als seine Sicht auf die Welt und unser Leben darin. Die Menschen bleiben blass und namenlos, sie sind also austauschbar gegen jedermann. Bis auf den Oberst, der hat einen Namen, und schon sein Untergebener ist lediglich der Leutnant. Man gewinnt den Eindruck, die Szenerie könnte überall spielen, denn irgendeinen äußeren, aber auch inneren Feind, bemüht der Staat ja immer, um sein Machtmonopol zu rechtfertigen und zu festigen. Darum geht es vor allen Dingen, es geht um die Zivilcourage und den Mut des Einzelnen gegen diesen Machtanspruch, hier allerdings in einem gewissenlosen, unmenschlichen und anonymen Staat. Spieler und Gegenspieler, der Oberst und sein Leutnant auf der einen Seite, der Magistrat auf der anderen. Letzterer ist kein Held, er ist mit allen menschlichen Schwächen ausgestattet, die man sich denken kann, er ist bequem, liebt seine Ruhe, vertieft sich weltvergessen in seine Sammlungen und möchte im Grunde nur in Ruhe gelassen werden. Wie alle anderen auch. Aber mit dem Einrücken des Polizeioberst geht es eben nicht mehr. „Jedes Lebewesen wird mit dem Gedächtnis am Gerechtigkeit geboren“, sagt er, und er ermannt sich, dieser Stimme in seinem Inneren auch öffentlich Ausdruck zu verleihen. Er ist kein Träumer, er weiß, was es bedeuten kann, Folter und Tod, so wie mit den Barbaren praktiziert. Aber er schliddert mehr in diese missliche Situation, als dass er es bewusst darauf anlegt, er ist eben kein Held, sondern ein Durchschnittsbürger. Im Grunde könnten auch alle anderen Mitbewohner sich gegen das Diktat der Polizei auflehnen, aber niemand tut es, nur er, der Schwache, Ältliche, Friedliebende. Er ist auch der einzige, der sich mit der Vergangenheit seines Volkes beschäftigt (die Ausgrabungen, die Interpretation der Pappelholztäfelchen), und hier gilt sicher die Allerweltsweisheit: Wenn du nicht weißt, woher du kommst, wirst du nie begreifen, wer du bist.
Und die Barbaren? Sie sind nur notwendige Staffage für den Macht- und Gewaltanspruch des Staates. Eigentlich existieren sie gar nicht, versprengte Grüppchen in einer schier unermesslich großen Wüste am Rand des Reichs. Aber nichts desto weniger unbesiegbar, die vergeblichen Feldzüge beweisen es, man kommt ihnen nicht bei auf ihrem eigenen Territorium. Die in die Stadt gebrachten Gefangenen können auch harmlose Siedler gewesen sein, die an ihnen begangenen Gräueltaten dienen vornehmlich der Abschreckung nach innen, etwa: Seht, was wir mit denen machen, die gegen uns sind. Zum anderen jedoch werden sie ebenfalls benötigt, um sich selbst gegen sie abzugrenzen, hier ist die Zivilisation, dort aber nur die Barbarei. Allein, die Geschehnisse sprechen eine ganz andere Sprache, die Zivilisierten verhalten sich unzivilisiert, folgen ihren niederen Instinkten und zeigen wenig davon, was sie zu zivilisierten Menschen machen könnte (Eigennutz, Erbarmungslosigkeit, Gewinnsucht, das ganze Schreckensszenario).
3. Fazit
Sprachlich gekonnt und faszinierend lässt Coetzee seine Sicht auf eine staatlich gelenkte Welt sich durch die Handlung des Romans entwickeln. Es ist eine beängstigende Sicht auf ungehemmte Machtausübung zu Lasten des Einzelnen, eine ungetröstete Haltung, denn der einzige, der ein moralisches Gewissen zeigt, ist ein Schwacher, ein menschlich nicht gerade Integerer, der aber am Ende obsiegt, weil er sich innerlich durchgerungen und nicht aufgegeben hat, seinem Gewissen zu folgen, unabhängig davon, welche Konsequenzen dies für ihn haben könnte. Sein Sieg ist allerdings ein Pyrrhus-Sieg, er wird körperlich uns seelisch fast zerbrochen, nur sein Beharrungsvermögen lässt ihn durchhalten, bis der Spuk vorüber war. Keine Abrechnung mit seinen Peinigern, es genügt ihm, dass sie verschwanden, wie sie gekommen waren, eine Episode nur. Ohne nachträglichen Stolz auf sich hat er das getan, was er nicht umhin kam zu tun. Mehr darf nicht erwartet werden.
Das „Reich“ erinnert in vielem an autoritäre, faschistische Staaten der Gegenwart und der Vergangenheit, das Dritte Reich nicht ausgenommen, auch Südafrika zur Zeit der Apartheid nicht. Dennoch ist keiner dieser Staaten gemeint, sondern es sind sie alle, die Unrecht im Namen des vorgeblichen Rechts begehen, die Folter und Unterdrückung, aus welchen Gründen auch immer, zulassen. Doch es sind nicht nur die gemeint, die dieses Gewaltmonopol ausüben, es sind auch die, die die Ausübung von Gewalt schweigend mit ansehen, innerlich gutheißen, solange sie sich gegen andere richtet, und sie damit tolerieren. Jeder kann sich hier wiederfinden, und der Leser sollte sich fragen, wie er bzw. sie in einer solch bedrängten Situation gehandelt h