„Wir gingen hin, weil wir dort alles bekamen. Wir gingen hin, wenn wir Durst hatten, versteht sich, aber auch wenn wir hungrig waren oder hundemüde. Wenn wir glücklich waren, gingen wir hin, um zu feiern, wenn wir traurig waren um Trübsal zu blasen. Nach Hochzeiten und Begräbnissen gingen wir hin, um unsere Nerven zu beruhigen, und vorher, um uns schnell Mut anzutrinken. Wir gingen hin, wenn wir nicht wussten, was wir brauchten, in der Hoffnung, jemand könnte es uns sagen. Wir gingen hin, wenn wir Liebe suchten oder Sex oder Ärger oder wenn jemand verschwunden war, denn früher oder später tauchte dort jeder auf. Vor allem aber gingen wir hin, um ums finden zu lassen.“
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Dieser erste Absatz aus dem Roman „Tender Bar“ von J.R. Moehringer aus dem Jahre 2005 lässt die Bedeutung der Bar in dieser Erzählung erahnen und gibt somit einen Hinweis auf die gesamte Erzählung.
Die Bar „Publicans“ ist der Dreh- und Angelpunkt in Manhasset auf Long Island. Dort versammeln sich zu jeder Tages- und Nachtzeit Menschen aus allen Schichten und versuchen ihre Probleme zu vergessen, zu feiern, abzuschalten oder den Abend in geselliger Runde abschließen zu können. Die Bar hat einen besonderen Zauber, der sich auf alle abfärbt. Auch auf den kleinen JR dessen Onkel Charlie dort als Barkeeper arbeitet. Der Junge ist von Anfang an von dem Leben seines Onkels und den Erzählungen aus der Bar fasziniert und schwört sich, dass er diese eines Tages betreten wird. JR lebt mit seiner Mutter bei den Großeltern zusammen mit der Tante und deren Kindern. Er ist umgeben von weiblichen Figuren und sehnt sich nach einem männlichen Vorbild, da sein Vater die Familie früh verlassen hat. Er orientiert sich an seinem Onkel und wird von diesem langsam in die Bar-Gemeinschaft eingeführt. Durch einen Umzug nach Arizona aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Lage der Familie, kann er nur in den Ferien nach Manhasset zurückkehren. Während dieser Zeit entdeckt JR seine Liebe zu Büchern und Worten, er identifiziert sich und sein ganzes Umfeld mit Büchern, Zitaten und Romanfiguren. Die Literatur und Sprache wird somit zum zweiten wichtigen Bezugspunkt in seinem Leben neben der Bar. Somit setzt er sich als Ziel Journalist zu werden, obwohl seine Mutter wünscht, dass er Jurist werde. JR befindet sich im Konflikt den Wünschen seiner Mutter hinsichtlich ihrer Opfer gerecht zu werden und wird von diesem sehr oft geplagt. Der Leser wird auf die Reise mitgenommen JR von der Kindheit bis in die Twenties zu begleiten und seine Entwicklung mitzuerleben.
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Die Erzählung beschreibt eine authentische Entwicklung eines Jungen zu einem Mann mit bestimmten Zielen und Vorstellungen. Diese Entwicklung wirkt so real, da JR ein normales Kind ist evtl. auch ein Paradebeispiel für die Kinder aus benachteiligten Familien ( Alleinerziehende Mutter, wenig Welt, kaum Prestige), man empfindet sofort Symphatie für ihn und hofft, dass es ein gutes Ende nehmen wird. Ein weiterer Aspekt ist, dass Moehringer die männlichen Orientierungsfiguren mit wenigen Worten und Einzelheiten sehr real und lebendig erscheinen lässt, man hat das Gefühl jeden zu kennen, obwohl nicht sehr viel über sie erzählt wurde. Die Bar als Zentrum der Geschichte und die Besucher stellen somit einen wichtigen Teil dar, da sie das Sinnbild für Familie werden und auch die Vorurteile gegenüber Bargängern entkräften.
Jedoch gab es eine große Überraschung für mich in dem Buch, da ich nicht damit gerechnet hatte, dass der Bereich „Bücher und Literatur“ thematisiert wird. JR entdeckt in seiner Kindheit das „Dschungelbuc“h und ist seitdem von Büchern und Sprache in den Bann gezogen worden, man erfährt, welche Autoren und Werke er liebt, da er diese immer wieder zitiert. Diese intertextuelle Einbindung ist meiner Ansicht nach super gelungen und man merkt, dass dies sehr liebevoll und mit Bedacht gestaltet wurde. Ich bin echt total begeistert von dieser Entdeckung, da es dem Buch für eine ganz besondere Note verleiht und zu etwas ganz Besonderem macht.
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Fazit: Ein Buch, dass mehr ist, als der Klappentext verrät. Ein echter Schatz, den man entdecken sollte.