Leser-Rezension zu „Lienekes Hefte” von Jacob van der Hoeden
am 5.05.2009
"Vor unserer Abreise versammelte uns Mama um ihr Bett, das sie wegen ihrer Krankheit nicht verlassen konnte. 'Von heute an', hat sie zu uns gesagt, 'können wir nicht mehr zusammen sein. Wir werden uns eine Zeitlang nicht sehen. Von heute an sind wir nicht mehr dieselbe Familie. Alles muss sich ändern. Ihr seid nicht mehr die, die ihr einmal wart. Ihr seid keine Juden mehr.'
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Im Jahr 1940 besetzen deutsche Truppen die Niederlande und bringen neben Gewaltherrschaft und Unterdrückung auch das ideologische Banner ins Land, auf dem die Ver-nichtung des Judentums geschrieben steht.
Als die ersten Judendeportationen beginnen beschließen die Eltern der sechsjährigen Lieneke van der Hoeden unterzutauchen. Die Familie wird getrennt und das kleine Mädchen wird von einer Schutzfamilie zur nächsten weitergereicht, stets unter Lebensgefahr für alle Betei-ligten. Lieneke vereinsamt und fühlt sich ohne Eltern und Geschwister verlassen und verloren.
Doch eines Tages erreicht sie ein Brief ihres Vaters - nein, mehr als das - es ist ein phantasie- und liebevoll gestaltetes Schulheft, in dem er seiner Tochter sehr hoffnungsvoll und fröhlich aus seinem Alltag berichtet, ihr Neuigkeiten aus der Familie erzählt und beginnt, am Leben seiner jüngsten Tochter aktiv teilzunehmen. Er nimmt ihr das Gefühl der Einsamkeit und überbrückt mir insgesamt neun wunderschön von ihm illustrierten Heften die Zeit, bis zur glücklichen Zusammenführung der Familie.
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Die französische Schriftstellerin Agnes Desarthe hat die Heftchen in Israel entdeckt, wohin die Familie nach dem Krieg emigrierte, und erzählt in einem zehnten Heft die Geschichte, die sich dahinter verbirgt, aus dem Blick-winkel der kleinen Lieneke. Ein wunderbares literarisches Kleinod.
Die kleine Kassette enthält diese zehn einzigartigen Dokumente, die gleichzeitig Zeugnis väterlicher Hilflosig-keit als auch Zeichen des gelebten Widerstandes und Kampfes für die eigene Familie sind. Wer sich und seine Kinder heute diesem Thema behutsam und nachhaltig nähern möchte, dem sind dies Heftchen besonders ans Herz zu legen.
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Jeden Mittag um viertel drei
kommt der Briefträger vorbei.
Meistens geht er dann schnell weiter,
hat ja nichts für mich dabei.
Jeden Tag wart ich erneut
auf eine Karte - einen Brief.
Es gibt doch so viele Leut`
doch wohl niemand hat mich lieb.
Aber heut`, hurra, hurra!
Heut` gibt es was zu lesen,
Heut` ist in der Morgenpost,
was für mich dabei gewesen.
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Meine Tochter und ich haben bedeutungsvolle Blicke gewechselt, als wir die Hefte gemeinsam lasen.

