Extremsportlerin und schweigsamer Superheld
*
Vorteile: spannend von Anfang bis Ende, sympathische Hauptfiguren
Nachteile: typisch amerikanische Klischees, Kleinigkeiten
*
Schon vor ein paar Monaten weckten einige Rezensionen mein Interesse an dem Thriller „LAUF“ von Jamie Freveletti. Dann kamen ein paar private Probleme dazwischen und der natürliche Prozess des Vergessens setzte ein.
*
In dieser Woche las ich nun eine im Internet veröffentlichte Leseprobe zum Nachfolger „FLIEH“, die mich begeisterte. In den Informationen zur Autorin wurde auch ihr Debüt „LAUF“ erwähnt. Danach suchte ich sofort und als ich das Cover sah, erinnerte ich mich auch daran, dass dieses Buch eigentlich schon lange auf der Merkliste stehen sollte. Nun bestellte ich es gleich und hielt es schon am nächsten Tag in den Händen. Logisch, dass ich sobald es meine Zeit erlaubte, mit dem Lesen begann:
*
Im Dschungel von Kolumbien
*
Die Passagiermaschine, in der, neben mehr als 200 meist amerikanischen Fluggästen, auch die Biochemikerin und Langstreckenläuferin Emma Caldrige und der ATD Beobachter Cameron Sumner auf dem Weg nach Bogota unterwegs sind, wird von Flugzeugentführern umgelenkt und auf einer viel zu kurzen Dschungelpiste zur Landung gezwungen. Viele der Passagiere überleben die Bruchlandung nicht, die ca. 70 Überlebenden werden unmittelbar danach von einer Guerilla Einheit als Geiseln gefangen genommen.
*
Emma Caldrige hatte „das Glück“, dass ihr Sitz beim Zerbersten des Flugzeuges etwas weiter in den Dschungel geschleudert wurde. Nur leicht verletzt, bemerkt sie die Guerilla Söldner rechtzeitig und kann ihrer Aufmerksamkeit mit Hilfe von Cameron Sumner erst mal entgehen. Kurze Zeit später stellt Emma fest, dass sie sich im Dickicht des kolumbianischen Dschungels nicht nur vor der Entdeckung durch Guerillas in Acht nehmen muss. Auch die Häscher eines mächtigen Pharmaunternehmens sind mit Bluthunden hinter ihr her. Es beginnt eine gnadenlose Verfolgungsjagd…
*
Rasantes Lesevergnügen
*
Kaum hatte ich mit dem Buch begonnen, war es letztendlich auch schon wieder fertig gelesen. Von Anfang bis Ende gelingt es der Autorin eine gleichbleibende Spannung zu erhalten, die den Leser an das Buch fesselt. Das liegt zum einen an dem einfachen und schnörkellosen Schreibstil, zum anderen aber auch am Aufbau der Geschichte. Die Autorin hat ihr Buch in 54 relativ kurze Kapitel eingeteilt und wechselt besonders anfangs oft zwischen zwei verschiedenen Orten.
*
Das sind zum Einen die Ereignisse mit den entsprechenden Akteuren im kolumbianischen Dschungel, ab der Bruchlandung und zum Anderen die strategischen und diplomatischen Gespräche zwischen Militär, Verteidigungsministerium und Darkview, des Privatunternehmens unter der Leitung von Edward Banner und seiner Stellvertreterin Carol Stromeyer, welches Geheimmissionen für die amerikanische Regierung durchführt.
*
Dabei geht es natürlich im Dschungel bei den Personen in akuter Gefahr und ihren Widersachern wesentlich rasanter zu, als bei den Bürohengsten im sicheren Amerika, die um Entscheidungen und Kompetenzen rangeln. Bei letzteren werden aber viele Erklärungen geliefert. Hier gelingt der Autorin das Halten des Spannungsbogens nur, weil sie dann immer wieder rechtzeitig zu den Gefährdeten in den Dschungel schwenkt. Als Leser muss man zu Beginn bei den Szenen mit Militärs und Politikern schon aufpassen, dass man – obwohl entsprechende bereits Erklärungen geliefert wurden - die Personen beim wiederholten Auftauchen dann im Kopf auch wieder den richtigen Organisationen zuordnet.
*
Von Anfang an bilden sich klaren Sympathie- und Feindbilder heraus und natürlich ist die Story typisch amerikanisch. So trieft sie vor Klischees und offensichtlichen Konstruktionen. Da ist die sympathische weibliche Hauptprotagonistin Emma eben nicht nur Chemikerin, sondern auch Langstreckenläuferin mit der Spezialisierung auf Extremmarathons und ihr Mitstreiter Cameron Sumner ein Allroundtalent mit militärischer Ausbildung. Beide sind dazu auch noch extrem attraktiv. Superhelden eben, die in jeder Situation zwar sagen, dass sie nicht wissen was zu tun ist, dann aber genau das Richtige machen. Es ist schon regelrecht verwunderlich, dass zwischen ihnen bisher nicht mehr als ein Kuss gelaufen ist.
*
Bei den anfangs sich noch in Amerika befindlichen Protagonisten stehen als Sympathieträger ganz klar Edward Banner und die überaus taffe Carol Stromeyer zur Verfügung. Die beiden sind als kollegiales Team die perfekte Einheit und man spürt als Leser, es prickelt auch privat. Aber auch hier in zwischenmenschlicher Hinsicht noch nichts passiert. Die Lovestorys hebt sich die Autorin wohl für die Fortsetzung auf.
*
Bei den Feinden gibt es den offensichtlichen, den gewalttätigen Anführer der Guerillagruppe mit der gefährlich schönen Freundin, den über ihm stehenden geheimnisvollen Cartellboss und den mysteriösen Amerikaner, der mit ihnen im Bunde steht. Auch von dieser Seite her scheint es eine Verbindung zum Verteidigungsministerium zu geben, die zwar angedeutet aber bis zum Schluss noch nicht ganz klar wurde.
*
Viele Dinge die die Hauptakteure auf ihrer Flucht durch den Dschungel oder bei ihren Befreiungsaktionen getan haben, nahm ich einfach als gegeben hin, da ich einfach nicht weiß ob das in Wirklichkeit gehen könnte, es aber hervorragend in die Handlung und den Spannungsbogen passte und es sich ja auch um einen Roman und keinen Tatsachenbericht handelt. Da darf die Autorin von mir aus schon, ihrer Fantasie freien Lauf lassen.
*
Es gab jedoch eine Stelle in dem Buch, die ich mehrmals lesen musste und der Meinung bin, das geht nicht. Cameron spielt sozusagen Räuberleiter für Emma, damit sie ein Maschinengewehr am Rande der Plattform des Wachturms erreichen kann. Damit sie es erreichen kann, schlingt sie ihre Beine um seine Schultern, dann schießt sie wie eine Verrückte, dreht regelrecht durch und verkrampft. Als das Magazin leer ist, legt er um sie zu beruhigen seine Hand an ihre Wange und erst dann will er sie runterlassen, aber ihre Beine sind noch immer wie ein Schraubstock um seine Schultern geschlungen. Wie um Gottes Willen hat er seine Hand an ihre Wange gelegt???
*
Und trotzdem habe ich dieses Buch gern und schnell gelegen. Das lag einfach daran, dass es für mich die Unterhaltungslektüre war, die ich gerade brauchte. Nämlich eine, in die ich aus meiner realen Welt komplett wegtauchen konnte, die mich für die Dauer des Lesens fesselte, um danach entspannt wieder in mein eigenes Leben zurück zu kehren. Das Thriller-Genre wurde mit diesem Roman ganz sicher nicht neu erfunden. Man hat ähnliches schon in diesem oder jenen anderen Buch gelesen. Aber sowohl Handlung, als auch Akteure brachten mich zum Wegtauchen und Mitfiebern. Und mal ganz ehrlich, wenn ich mir ein solches Buch aussuche, weiß ich das doch auch schon im Vorfeld, zumindest was mich ungefähr erwartet. Und meine Erwartungen an sich wurden nicht enttäuscht. Es war letztendlich genau das, was ich von dem Buch wollte. Daher kann ich Freunden des Genres auch eine Empfehlung geben.
*
Über die Autorin Jamie Freveletti
*
erfuhr ich im Internet, dass sie als Anwältin in einer Kanzlei in Chicago arbeitet, zahlreiche Kampfsportarten beherrscht und selbst Langstreckenläuferin ist. „Lauf“ war ihr Thrillerdebüt. Demnächst erscheint die Fortsetzung „Flieh“ in deutscher Übersetzung. Diese werde ich auf jeden Fall auch lesen.
*
Ullstein Verlag 2009
Übersetzung Sybille Uplegger
ISBN 978-3-548-28119-3
377 Seiten
Als Taschenbuch für 8,95 € im deutschen Buchhandel erhältlich.