Der momentane Hype um das Jugendbuch "Nichts. Was im Leben wichtig ist" von der mittlerweile in Paris lebenden, aber ursprünglich aus Dänemark stammenden Autorin Janne Teller ist nicht zu leugnen. Die Presse spricht & schreibt darüber und das Buch wird kontrovers diskutiert und auseinander genommen. Na, dann möchte ich doch gern mitmachen.
Als ich diese ungekürzte Lesung des Buches hörte, übertraf diese auf jeden Fall meine vorherigen Erwartungen. Damit hatte ich wirklich nicht gerechnet. Gesprochen von Laura Maire, die in die Rolle der Erzählerin Agnes schlüpft, hatte diese Lesung eine ganz außergewöhnliche Wirkung auf mich. Kaum zu glauben, dass eine erwachsene Frau sich stimmlich wie in Sachen Persönlichkeit, so gut in ein Mädchen von 13 Jahren hineinversetzen kann. War ich anfangs überrascht, über die leicht piepsige Stimme, wollte ich sie schon bald – ob ihrer großen Authentizität – nicht mehr missen.
Klar, dass in dieser Verbindung der Inhalt besonders schockierend rüberkommt und umso mehr zum Nachdenken anregt – denn darum geht es (und das klingt jetzt ganz bestimmt noch harmloser, als es eigentlich ist):
Es ist ein scheinbar ganz normaler, langweiliger Schultag für die 7. Klasse in der auch Pierre Anthon ist. Doch das ändert sich schlagartig, denn jetzt reicht es dem Jungen – er steht auf und verschwindet mit der Behaubtung, dass Nichts im Leben eine Bedeutung hat, dass deshalb Nichts wichtig ist. Wir alle sind nur zum Sterben verdammt und ein winzig kleiner, bald schon vergangener Teil eines ach so großen Universums. Welche Bedeutung soll da eine so kleine Randfigur schon haben? Und welche Bedeutung soll das Leben für sie haben?
Die anderen Kinder in der Klasse sind genervt, denn Pierre Anthon sitzt fortan in einem Pflaumenbaum und weigert sich runter zu kommen. Er sitzt dort oben, starrt ins Nichts, bewirft die anderen mit Pflaumen und verspottet sie, weshalb sie einfach so weitermachen, ihre Zeit mit sinnlosen Dingen zu vergeuden, statt sich direkt dem Nichts hinzugeben. Alles andere habe ja doch keine Bedeutung.
Da es den Kindern nicht gelingt, Pierre Anthon vom Baum zu locken, selbst als sie in mit den Steinen bewerfen, beschließen sie, ihm zu zeigen, dass es wohl Bedeutung im Leben gibt. Und jetzt ratet mal wie? Das WIE ist nämlich das Entscheidende an diesem Buch. Ich persönlich fand es ja schon erschreckend, als die Kinder Pierre Anthon mit Steinen bewarfen, ich war überrascht über diese Wut, nur weil ein Junge ausreißt und die anderen ein bisschen provoziert – egal, wie ernst er seine Meinung auch vertritt.
Es geht scheinbar harmlos los – die Kinder wollen Dinge sammeln, die wirklich von Bedeutung sind. Jeder soll sich von einer Sache trennen, die für ihn besonders bedeutsam ist und in einer alten Sägemühle wollen sie all die Dinge aufstapeln – zu einem Berg der Bedeutung. Anfangs kommen Dinge wie Lieblingsbuchserien und ein Paar besonders schöner Sandalen auf den Berg. Jedes Kind, das selbst etwas von persönlicher Bedeutung abgegeben hat, darf bestimmen, wer als nächstes etwas abgeben muss und vor allem was dieses Etwas ist. Agnes, aus deren Sicht wir das Ganze ja erfahren, überschreitet dabei die erste größere Grenze, indem sie Gerda dazu zwingt, ihren Hamster samt Käfig auf den Berg zu stellen. In diesem Moment wusste ich, dass es bei keinem harmlosen Spiel bleiben wird. Denn das ist erst der Anfang… Es sei nur so viel gesagt: Auch Körperverletzung und Mord sind Themen, die im weiteren Verlauf eine Rolle spielen werden – ob die Kinder tatsächlich so weit gehen werden und was sich schlussendlich auf dem Berg der Bedeutung befindet, da sei hier aber nicht verraten. Und auch nicht, ob Pierre Anthon sich davon beeinflussen lässt.
Ich muss zugeben, die Handlung ist wirklich so abstrus und zugleich fesselnd, dass ich einfach nicht aufhören konnte zu hören, was wirklich selten ist, bin ich doch kein großer Freund von Lesungen und Hörbüchern. Dieses hier aber hat mich gepackt. Sagen, dass es ein gutes Buch / Hörbuch ist, kann ich nicht – es ist gut gemacht, aber die Handlung ist so erschreckend, dass die Bezeichnung "gut" sehr schwer fällt. Vielleicht liegt es daran, dass ich nicht mehr 13 Jahre alt bin, wie die Hauptfiguren von "Nichts. Was im Leben wichtig ist", aber mir persönlich erschien die ganze Handlung und vor allem das Handeln der Schüler vollkommen unrealistisch. Ich kann und möchte einfach nicht glauben, dass Kinder in dem Alter zu soetwas fähig sind, zumal der Auslöser in Form von Pierre Anthons Aussagen, für mich kompett irrelevant ist. Egal wie provokant er ist, es ist nicht normal, so verrückt zu spielen, auszuticken und jegliches Gefühl fürs Realistische zu verlieren.
Positive Aspekte dieses Hörbuchs & Plots sind folglich, dass man sich tatsächlich Gedanken über den Sinn des Lebens und die Bedeutung macht, egal wie schräg die Handlung ist. Sie regt wirklich zum Nachdenken an. Fragwürdig ist jedoch, wie glaubhaft eine so überdrehte und meines Erachtens vollkommen aus der Luft gegriffene Handlung zu einer Diskussion zu eben diesen Themen anregen kann. Ich weiß es ehrlich nicht! Ich bin also hin und her gerissen, weil mir die Handlung als zu überzogen und unrealistisch erscheint. Andererseits ist genau das doch irgendwie der Reiz an der Sache.
Schon allein aufgrund der zwiespältigen Gedanken und inneren Diskussionen mit sich selbst, lohnt es sich allemal, dieses Hörbuch zu hören und sich selbst eine Meinung zu bilden.