Krieg und Liebe – zwei nicht verschränkbare Wesen
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Am 25. Juni 1950 begann durch einen Vorstoß der Nordkoreaner über die Demarkationslinie des 38. Breitengrades der Koreakrieg. Die Nordkoreaner fielen in die Republik Südkorea ein. Der 38. Breitengrad war die nach der alliierten Besetzung im August 1945 zwischen der Sowjetunion und den USA vereinbarte Demarkationslinie. Drei Jahre sollte der Koreakrieg dauern.
Jene Geschehnisse bilden den Rahmen, ja die Grundhandlung für den neuen Roman von Jayne Anne Phillips. Eingebettet ist diese in einen Familienepos um Lark und Termite, Halbgeschwister, die im Winfield, West Virginia, der 1950er Jahre bei ihrer Tante Nonie groß werden. „Lark and Termite“, so ist auch der Originaltitel des Romans der 1952 geborenen Autorin, die als eine der wichtigsten amerikanischen Gegenwartsautorinnen gilt und schon vielfach für ihr schriftstellerisches Werk ausgezeichnet wurde.
Vier Tage erlebt der Leser durch die Augen von fünf Personen mit. Vier Tage in den Jahren zwischen 1950 und 1959.
26. Juli 1950 – Der Ursprung
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Robert Leavitt ist Unteroffizier der 24. Infanteriedivision in der Nördlichen Provinz Chungchong in Südkorea. Er musste seine geliebte Frau Lola im Dezember 1949 in Louisville, Kentucky schwanger zurücklassen, um nach Südkorea zu gehen.
„Tagelang strömender Regen ist anschwellender Hitze gewichen; der Schlamm dampft förmlich und saugt alles ein, was mit ihm in Berührung kommt. Amerikanische Truppen und Material kämpfen sich nordwärts, auf die Front zu, während die Front unaufhaltsam nach Süden vorrückt.“
Dazwischen ist Leavitt, „[…] beauftragt mit dem Flüchtlingsproblem[…]. Sie sollen die Evakuierung von Dörfern, die dem Krieg im Weg liegen, unterstützen und steuern[…]“.
Leavitt wird aus dem Krieg nicht zurückkehren. Die Bilder des Koreakrieges vermag Phillips in ihrer Grausamkeit doch sehr berührend darzustellen. Die Passagen um Robert Leavitt sind durchwoben mit Gedanken und Erinnerungen an ein Leben vor dem Krieg, an seine Kindheit. So wird nach und nach – die Szenen wechseln ja zwischen den Protagonisten und Jahren – ein vollkommenes Bild einer Familie gewoben, das sich vor allem auch durch die Leerstellen auszeichnet, durch die Perspektivwechsel, die Jayne Anne Phillips malt und die den Leser ans Buch fesseln.
26. Juli 1959 – Die Folgen
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„Ich schiebe den Sessel unter den Baum im Garten, dann trägt Nonie ihn hinaus[…]. Termite [wird] die ganze Zeit draußen im Sessel sitzen wollen und endlos mit mir schimpfen, falls ich versuche, ihn im Haus zu behalten[…]“.
Lark ist Termites Halbschwester. Als sie zehn Jahre war, musste Lark ins Jugendlager der Pfarrei, obwohl Nonie gar nicht christlich war. Und als sie wiederkam, war er da. Termite.
„Als Baby war Termite wirklich hübsch, […] er hatte blonde Locken und diese blauen Augen, die sich mehr bewegen als normal, als beobachtete er irgendwas, das wir nicht sehen.“
Lola, ihre Mutter hat ihn in die Fürsorge ihrer Schwester Nonie und Larks gegeben. Während Nonie den ganzen Tag hart arbeiten muss, um den Unterhalt für die Familie zu verdienen, kümmert sich Lark um ihren Halbbruder, der für sie mehr ist als nur ein geistig Zurückgebliebener. Für Termite wird Lark zum Berührungspunkt mit der Außenwelt und umgedreht ist Termite alles, was Lark von ihrer Mutter noch hat.
So entspinnt sich zwischen Südkorea, Winfield, West Virginia und Louisville, Kentucky eine Familiengeschichte, die im Besonderen von der einzigartigen Darstellung der Welt um Termite lebt. Für Lark ist es ein Geheimnis, wer ihre Mutter wirklich war und warum Termite nach dem Tod seines Vaters nicht bei ihr bleiben konnte.
Termite: „Er sieht durch das Blau, und es geht weg, er sieht durch das Blau und es geht wieder weg. […] Er kann in den Himmel sehen, wo keine Gestalten sind. Die Gestalten, die sich rund um ihn bewegen, sind groß, stoßen zusammen und verschmelzen und trennen sich wieder.“
Die Wahrnehmungswelt Termites schildert Phillips im warmen Kontrast zu den anderen Figuren des Romans, aber gerade in seinen Worten lässt die Autorin die aufkeimende Liebe zwischen Lark und einem Nachbarsjungen entstehen und erschafft damit eine literarische Formung des Lebens und Fühlens, die den Roman zu etwas ganz Besonderem werden lässt.
Lark ist eine sehr starke Persönlichkeit, die sich zeit ihrer Kindheit um ihren Halbbruder wie um einen Sohn gekümmert hat und während des Buches zu einer bewundernswerten Figur in ihrer Stärke, Ehrlichkeit und ihrem Drang nach den eigenen Wurzeln für den Leser wird.
Als das in Winfield Ende Juli 1959 erwartete Unwetter sich zu einer wahren Wasserflut verwandelt, treten nicht nur alltagsverändernde Umstände ein, auch die zwischenmenschlichen Unklarheiten sollen von ihrem Nebel befreit werden.
Dieses Buch ist eine erzählerische Leistung, die im Wechsel zwischen den Perspektiven einen ganzen Familienepos entfaltet, in den der Leser schon allein durch die Sprache der Autorin hineingezogen wird. Farbsymboliken sind für das Buch, allein für Termites Lebenswelt sind Farben ein bestimmendes Segment, prägend und durchweben auch die erzählte Welt des Romans. So kippt die Darstellung zwischen realistischen Geschehnissen auch ganz plötzlich in eine magische, fast phantastische Welt, in der normale Alltagskräfte nicht mehr die wichtigsten sind.
Eine absolute Empfehlung für dieses Buch, das dem Leser den kommenden Herbst, vielleicht regnerische Tage versüßen wird.