Von Jean-Marie Gustave Le Clézio, der 2008 mit dem Literatur-Nobelpreis ausgezeichnet worden ist, hatte ich, wie wohl so viele andere auch, vorher nie etwas gehört, geschweige denn gelesen. Und auch nach der Wiederveröffentlichung seiner Werke durch den Verlag Kiepenheuer & Witsch, vermochte mich der Autor, trotz der Vergleiche mit Joseph Conrad und Robert Louis Stevenson, irgendwie nicht zu reizen. Bis mir per Zufall ein Leseexemplar von "Der Goldsucher" in die Hände fiel und ich begann, das Buch zu lesen.
Nun habe ich vor wenigen Minuten die Lektüre beendet. Anfängliche Skepsis und Zurückhaltung sind Bewunderung und Ehrfurcht gewichen. Mehr noch: Seit Zafons "Der Schatten des Windes" habe ich wohl nicht mehr etwas so Schönes lesen dürfen.
Die Geschichte nimmt ihren Anfang im Jahre 1892 auf Mauritius. Gemeinsam mit seinen Eltern und seiner Schwester lebt dort der kleine Junge Alexis in der dicht bewaldeten Boucan-Senke, einem paradiesischen Streifen direkt am Meer. Die Tage seiner Kindheit sind geprägt vom Rauschen des Meeres, dem Zug der Seevögel und den Gerüchen des Waldes. In diesem Idyll weit weg von der Zivilisation wächst er auf, lernt er spielerisch die Welt um sich herum kennen. Sein Vater lehrt ihn die Sternenbilder, seine Mutter unterrichtet beide Kinder in Religion, Mathematik und Sprachen. Obwohl finanzielle Sorgen die Familie plagen, sind sie glücklich, bis sich Alexis' Vater mit der Errichtung eines Elektrizitätswerks übernimmt. Als eines Tages ein schrecklicher Orkan über die Insel hinwegfegt und das neu errichtete Werk samt dem eigenen Haus in Trümmern legt, beginnen für Alexis und seine Familie die Zeit der Sorgen. Von Geldnöten geplagt müssen sie ihre Heimat verlassen und nach Port Louis ziehen, wo der schwer gebeutelte Vater nach kurzer Zeit stirbt. Sein Sohn übernimmt dessen Stelle als Buchhalter, träumt jedoch stets von der Seefahrt und der Weite des Meeres. Vom Abenteuer gelockt und im Besitz von Geheimpapieren, die einen Goldschatz auf der Insel Rodriguez vermuten lassen, kehrt er Mauritius schließlich den Rücken. Und segelt seiner Zukunft entgegen...
Der Klappentext und auch die Vergleiche mit oben genannten Schriftstellern lassen zwar einen klassischen Abenteuerroman vermuten, doch bereits nach kurzer Zeit wird dem Leser klar: "Der Goldsucher" ist viel mehr als das. Le Clézio erweist sich hier als Meister der Prosa, beeindruckt durch sein Spiel mit den Wörtern und verführt mit einer poetischen Sprache, welche den Größten dieses Genres in nichts nachsteht. Die vordergründige Suche nach dem versteckten Gold eines Korsaren weicht schnell einer tiefer gehenden Geschichte, welche die Auswirkungen der Zivilisation und des so genannten Fortschritts auf die Natur besonders im letzten Drittel sehr eindrücklich vor Augen führt. Bestes Beispiel dafür ist Alexis' Dienst im Ersten Weltkrieg, welcher ihn in den gasverseuchten Ebenen Yperns mit dem Tod in seiner schrecklichsten Form konfrontiert.
Diese Erfahrungen stehen wiederum im Gegensatz zu der offensichtlichen Liebe des Autors zu seinen Figuren und der Welt des Meeres. Seine Landschafts- und Naturbeschreibungen sind einzigartig und derart bildreich, das sich Worte in Sekunden zu Formen und Farben wandeln. Es scheint ein Zauber von diesen Zeilen auszugehen. Anders lässt sich die stumme Faszination, die ich ob dieses Buches empfand, nicht erklären. "Der Goldsucher" ist ein Fest für alle Sinne, ein Ode an Flora und Fauna und nicht zuletzt auch an die Liebe. Die letzten Zeilen habe ich mit Tränen in den Augen gelesen, aufgewühlt und zutiefst berührt von der Geschichte dieses Jungen von Mauritius, der auszog um Gold zu suchen und die Liebe zum Meer und seiner Kindheit fand.
Insgesamt ist "Der Goldsucher" ein großartiger, wunderschöner Roman fernab von jeglichem Kitsch und dem heutigen literarischen Mainstream. Ein Meisterwerk und moderner Klassiker, der am Ende des Jahres ganz sicher zu meinen persönlichen Entdeckungen zählen wird. Kaum zu glauben, das solch ein künstlerisches Buch Mitte der 80er geschrieben worden und in Deutschland unbeachtet geblieben ist. Weitere Bücher Le Clézios landen sofort auf meinem Merkzettel.