Wie kann man sich die Hölle vorstellen? Böse Menschen angekettet im Inferno? Flammenhölle? Folter? Wahrscheinlich hat jeder von uns seine eigene Vorstellung davon. So auch der Existentialist Jean-Paul Sartre. In seinem Werk "Geschlossene Gesellschaft" (der französische Originaltitel lautet "Huis clos") entwirft ein ganz anderes, aber nach meinem Empfinden weitaus grausameres Bild der Hölle, eben so wie sie sich wahrscheinlich niemand von uns vorgestellt hätte.
Sartre wird am 21. Juni 1905 in Paris geboren und gelangt mit seinem 1943 erschienenen philosophischen Hauptwerk "Das Sein und das Nichts" zu Ruhm und Ehre: Er wird zu einem der einflussreichsten Denker des vergangenen Jahrhunderts. 1964 lehnt er jedoch die Annahme des Nobelpreises für Literatur ab. Am 15. April 1980 stirbt er in Paris.
Résumé des Inhalts "Geschlossene Gesellschaft": Drei Menschen, die sich nie zuvor im Leben begegnet sind und ein schlimmes Verbrechen begangen haben, werden von einem "Hotelpagen" in ein Hotelzimmer geführt, in dem stets Licht brennt: Garcin, der Publizist und Journalist, die jungen Frauen Inès und Estelle. Bis in die Ewigkeit müssen sie hier verharren. Jeder von ihnen hat eine Couch zur Verfügung. Das Bedürfnis, schlafen zu wollen, ist ihnen genommen worden. Alle drei sind grundverschieden und gegenseitigen und unaufhörlichen Wortgefechten ausgesetzt.
Zunächst fragen sie sich die drei Protagonisten über ihr Leben auf Erden und dann über ihre Verbrechen aus. Nach und nach sieht jede der Personen in der anderen Person eine immense Bedrohung - und doch ist einer vom anderen abhängig: Estellt verliebt sich in Garcin, welcher sich wiederum in Inès verguckt. Unglücklicherweise ist diese wiederum in Estelle verliebt. Jeder ist auf die Hilfe des anderen angewiesen.
Zu den Charakteren:
- Der Journalist Garcin hat seine Frau zu Tode gequält und politisch versagt. Er ist fest davon überzeugt, ein Held gewesen zu sein und verdrängt seine Verbrechen zunächst erfolgreich, bis er am Ende von Inès qualvoll zurechtgewiesen wird.
- Inès Serrano, eine ehemalige Postangestellte, ist eine hochintelligente junge Lesbe, welche die Frau eines Freundes verführt und gequält hat und sich zusammen mit dieser vergast.
- Estelle ist die Frau eines alten Reichen, eine Dame aus der guten Gesellschaft also, hübsch anzusehen. Zu Lebzeiten war sie die Geliebte eines jungen Mannes und hat das gemeinsame Kind vor dessen Augen ertränkt. Daraufhin bringt sich der Liebhaber um.
Worin besteht nun aber die Misere? Was genau macht die Qualen aus, die alle drei Protagonisten bis in die Ewigkeit durchleben müssen?
Die eigentliche Tragik liegt in den Dialogen, gegenseitigen Vorwürfen und im emotionale Verletzen. Wie man sich denken kann, durchleidet jede der drei Personen ihre eigenen Notstände, weil niemand es dem anderen recht machen kann. Niemand genügt dem anderen.
Was ist aber die Moral, mit der uns Sartre aufrütteln will? Ich glaube, der Autor möchte uns verdeutlichen, wie sehr wir uns von dem Urteil anderer Menschen und deren Meinung wirklich abhängig machen, wie sehr wir uns Gedanken anderer zu Herzen nehmen und durch unbedachte Aussagen (ob sie nun der Wahrheit entsprechen oder nicht sei dahingestellt) Schmerz bei anderen erzeugen. Dies muss nicht immer bewusst erfolgen. Das beste Beispiel dafür ist Garcin, der zu Beginn der Handlung sehr von sich selbst überzeugt ist und den am Ende nur noch interessiert, was Inès von ihm denkt.
"Die Hölle, das sind die andern" denken. Wie wahr das oft ist.
Sicher spielt auch die Freiheitsliebe im Werk eine große Rolle, die alle drei Protagonisten besitzen, jedoch nicht ausleben können. Sie sind dazu verdammt, für immer in einem Raum zu sitzen.
Vielleicht möchte Sartre aber auch einfach nur ausdrücken, dass es weder Himmel noch Hölle gibt, weil nämlich die Torturen der von ihm geschaffenen Hölle auch auf Erden stattfinden können.
Fazit:
Absolut lesenswert! Ich habe das Buch am Stück gelesen. Mit nur 59 Seiten schafft es Sartre, seinen Leser in den Bann zu ziehen. Preisgünstig. Großer Wortwitz und gelungener Sprachstil. Philosophische Kostbarkeit. "Geschlossene Gesellschaft" ist eine Tragödie, die stets aus dem Blickwinkel des Existentialismus betrachtet werden sollte. Man sollte sich vorher zu Sartre und seinem Schaffen informieren, um besser verstehen zu können.
Zartbeseitete Menschen sollten sich vor diesem Buch allerdings in Acht nehmen, und in jedem Falle sollte eine gewisse Distanz gewahrt werden, da man sich evtl. in ein schwer zu überwindendes Grauen hineinsteigern und innerlich aufgewühlt werden kann. Sartre versteht es, nur über die Dialoge der drei "Untoten" eine absolut düstere Stimmung zu schaffen und Angst zu evozieren.
Und wenn sie nicht gestorben sind, so streiten sie noch heute...