Rezension verfasst vor 2 Jahren
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"Meine Personen stellen sich die Frage, die auf der ganzen Welt so viele Menschen meiner Generation gequält hat: 'Wie würde ich mich bei Folter verhalten?'" (Jean-Paul Sartre) Dieser kurze, aber prägnante Klappentext ist als Kurzbeschreibung auf der Rückseite des einfachen, roten Taschenbuches des Rowohlt-Verlages zu lesen. Es handelt sich um "Tote ohne Begräbnis" (Französisch: "Morts sans sépulture") von dem legendären Denker, Philosophen und mir sehr bewunderten Schriftsteller Jean-Paul Sartre.
Sartre wird am 21. Juni 1905 in Paris geboren und gelangt mit seinem 1943 erschienenen philosophischen Hauptwerk "Das Sein und das Nichts" zu Ruhm und Ehre: Er wird zu einem der einflussreichsten Denker des vergangenen Jahrhunderts. 1964 lehnte er jedoch die Annahme des Nobelpreises für Literatur ab. Am 15. April 1980 stirbt in Paris.
Bei "Morts sans sépulture" handelt es sich um eine Tragödie in vier Akten mit jeweils drei bis fünf Szenen. Nur eines im voraus: Dieses Buch ist nichts für schwache Nerven. Es rüttelt auf und versetzt einen selbst in Angstzustände und Grauen ... Es geht um fünf Widerstandskämpfer gegen die deutsche Besatzung, drei Männer, eine junge Frau und deren Bruder, der noch ein halbes Kind ist (er ist 15 Jahre alt) werden kurz vor dem Kriegsende (1944) in Frankreich verhaftet und warten nun in ihrer dunklen Zelle darauf, ausgefragt und gefoltert zu werden. Sie sollen den Namen ihres Anführers preisgeben.
Nun sitzen sie also dort, die fünf angsterfüllten Leute und fragen sich, jeder in seiner eigenen Qual, wie sie denn auf diese Folter reagieren werden. Werden sie schweigen, werden sie reden? Unberechenbarkeit in der Angst... Und vor allem: Werden sie sterben? Jeder geht in Gedanken sein Leben durch und fragt sich, ob eine ihrer Widerstands-Unternehmungen, bei der auch zahlreiche unschuldige Zivilisten ums Leben gekommen sind, überhaupt gelohnt hat. 'Wozu das alles? Wozu habe ich gelebt? Wozu soll mein Tod dienlich sein?' fragt sich jeder einzelne in seiner Pein. Langsam bricht Panik in der Zelle aus: Ein junger Mann bringt sich um und enkommt so der Gnadenlosigkeit der Folter. Die Zurückbleibenden sind wütend und beschimpfen sich gegenseitig. Der 15-jährige Junge wird im Schlaf erdrosselt, denn die anderen befürchten, dass er den Folterern, drei deutschen Milizionären, alles erzählen wird. Die Milizionäre wissen, dass der Krieg vorbei ist und haben ihrerseits Angst, von den Engländern gequält und ermordet zu werden ... Ich verrate ungern das Ende eines Buchs. Nehmt euch etwa zwei bis drei Stunden Zeit, länger benötigt ihr nicht, das dünne, aber reichhaltige Buch am Stück zu lesen. "Tote ohne Begräbnis" rüttelt an der Moral. Und gerade deswegen wäre es schändlich, es einfach beiseite zu legen und ein paar Tage dazwischen verstreichen zu lassen. Ich habe die Tragödie an einem Tag meines Italienurlaubes 2003 gelesen - auf der Terrasse und mit Meeresrauschen im Hintergrund. Idylle. Friedlichkeit. Entspanntheit, wo das Auge blickte. Nun kann man sich unschwer meine Gedanken vorstellen. Ich war, gelinde gesagt, entsetzt über diesen Kontrast, in dem die Protagonisten und ich uns befanden. Sie waren in höchster Seelennot: verlassen, verraten, einsam in einem Kerker, gefoltert. Ich hingegen saß auf dieser herrlichen großen Terrasse und ließ mir die Sonne auf den Körper scheinen ... wie absurd.
Wer Sartre als Philosophen kennt, weiß um seine Überzeugung, dass jemand, der einem anderen seine Menschlichkeit nimmt, dieser selbst seine eigene Menschlichkeit verliert. Genau darum geht es in "Tote ohne Begräbnis".
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