Schwerelose Prosa voller Widerhaken
1999 erhielt Jean Echenoz für "Ich geh jetzt" den bedeutendsten Literaturpreis Frankreichs, den Prix Goncourt.
Jean Echenoz erzählt aus dem Leben eines Galeristen, der eines Abends, an einem Sonntag im Januar, seine Frau nach fünf gemeinsamen Jahren verlässt:
Auf nur 180 Seiten erlebt der Kunsthändler Ferrer nicht nur das Ende seiner Ehe, sondern den kompletten Wegfall seines gewohnten Alltags.
Die Galerie, die er zusammen mit seinem Assistenten Delahaye betreibt, läuft schlecht. Angesteckt von der Neugierde Delahayes, der sicher ist, den Platz eines gesunkenen Schiffes zu kennen, reist er nach dessen Tod in die Arktis. "Hier passiert nicht viel, vor allem sonntags, wenn sich drei Faktoren eng miteinander verknüpfen, einander zum höchstmöglichen Wirkungsgrad potenzierend: Langeweile, Stille, Kälte." (Echenoz parodiert u. a. einen Mythos, die Geschichte von der Faszination des Nordens.)
Dank seiner Hartnäckigkeit gelingt es Ferrer den Schatz auf dem vermissten Schiff Nechilik in Port Radium zu bergen. Doch die Freude an den Antiquitäten währt nicht lange. Ferrer wird ausgeraubt. Nun gewinnt Ferrers Leben an unglaublicher Geschwindigkeit. Nicht ganz unschuldig daran sind seine zahlreichen Frauengeschichten.
Und als Ferrer am Ende, nach einem Jahr, wieder einmal konstatiert "Ich gehe", hat man nicht nur vieles über die hundertfünfzig Worte erfahren, "mit denen auf Iglulik der Schnee bezeichnet wird", man hat sich auch ausgezeichnet unterhalten - auf eine einfache, unaufdringliche, nicht bemühte Weise.
Der Stil des Buches - zu Beginn etwas gewöhnungsbedürftig - ist den Klassikern angelehnt: der Erzähler "verbündet" sich mit dem Leser, spricht ihn direkt an, macht Andeutungen über zukünftige Ereignisse, fast im Plauderton, auf jeden Fall leicht zu lesen
Anfangs springt Jean Echenoz Kapitelweise zwischen Ferrers Expedition in die Arktis und der Vorgeschichte dazu hin und her, danach zwischen den beiden Handlungssträngen, die sich aus unterschiedlichen Blickwinkeln Ferrers und Baumgartners (seinem Widersacher) ergeben. Außerdem wechselt er immer wieder zwischen Präsens und Imperfekt, mitunter sogar im selben Satz.
Gleichgültig, ob es sich um Rückblenden und Zeitsprünge oder einen geraden Erzählfluss, der plötzlich Untiefen preisgibt, handelt, Echenoz setzt alle diese Stilelemente mit großer Bravour ein.
Leicht und poetisch erzählt, humorvoll, manchmal satirisch, sind Abenteuer, Liebeleien und Gaunerei miteinander verknüpft.
Und trotzdem wird man als Leser unauffällig, lässig und systematisch in die Irre geführt. Es ist ein Spiel - ein ziemlich tückisches - denn die Regeln kennt nur er.
Echenoz beherrscht die Kunst des Verwirrspiels virtuos, er hat einen kalten Humor und eine ganz eigene Sprache. Die scheinbar schwerelos dahingleitende Prosa steckt voller Widerhaken.
Das Buch ist in Deutschland sehr zwiespältig aufgenommen worden, Befund: "zu französisch, so lala." Doch vielleicht verfügen gerade die Franzosen über bessere Antennen für die Ironie und das unbeschwert Spielerische in "Ich gehe jetzt".