Seit ihrer Verfilmung in Form der US-Serie „Dexter“ sind die Bücher von Jeff Lindsay wohl alles andere als ein Geheimtipp mehr. Und selten konnte ich diese Art von Werbung so begrüßen, wie in diesem Fall, denn auch das zweite Werk um den sympathischen Serienmörder aus der Nachbarschaft, Dexter Morgan, ist einmal mehr ein äußerst amüsantes Lesevergnügen. Natürlich nur unter der Voraussetzung, dass man sich einer gewissen morbiden Neugier nicht schämt oder gar allzu zart besaitet ist. Das „Dunkler Dämon“ so einschlägt, hatte ich nach dem doch sehr kruden und uninspirierten Ende von „Des Todes dunkler Bruder“ ehrlich gesagt nicht erwartet. Kurzfristig spielte ich gar mit dem Gedanken, Lindsays Bücher komplett aus dem Regal zu entfernen. Gottseidank habe ich der Versuchung nicht nachgegeben, denn Dexters zweiter Auftritt deutet nicht nur das große Potenzial dieser Reihe an, sondern unterhält auch von der ersten bis zur letzten Seite. Kurz zur Ausgangsposition:
Dexter Morgan, Spezialist für Blutanalysen bei der Polizei von Miami, könnte DER Vorzeigeamerikaner sein, gäbe es da nicht ein kleines Problem: Sein heimliches Hobby. Seit frühester Jugend treibt ihn der „dunkle Bruder“ zum Morden an, eine zweite Persönlichkeit, welche nur dank dem Code des verstorbenen Onkels Harry im Zaum gehalten werden kann. Dieser hatte schon in Kindestagen Dexters „Problem“ entdeckt und ihn dazu angeleitet, die Klinge nur für diejenigen zu wetzen, die es verdient haben. Bis jetzt hat dieses Arrangement hervorragend funktioniert, so dass mittlerweile neununddreißig kleine Bluttropfen auf Objektträgern von der erfolgreichen Arbeit des „dunklen Bruders“, der von der geistigen Rückbank Dexters Taten lenkt, künden. Nach außen hin spielt er erfolgreich die Rolle des lieben, netten Kollegen, so dass niemand von seinem dunklen Geheimnis ahnt. Zumindest fast niemand, denn Sergeant Doakes, der seinerseits wohl auch einen düsteren Schatten in der Persönlichkeit trägt, hat ihn schon seit längerer Zeit im Visier. Er will Dexter bloßstellen und beginnt nun damit, diesen von morgens bis abends zu überwachen.
Ein echtes Dilemma, denn die trockene Echsenzunge des dunklen Bruders lechzt verzweifelt nach neuen Bluttaten, da zwei weitere potenzielle Opfer, pädophile Kinderschänder und Mörder, bereits auf der Liste stehen. Dexter, der den Anschein von Normalität wahren will und jetzt jeden Abend mit Freundin Rita und deren Kindern verbringt, droht schon zu verzweifeln, als von anderer Seite die dringend benötigte Ablenkung kommt. In einem Haus in Miami wird ein Mann gefunden. Zumindest dessen Torso und Kopf. Sämtliche Gliedmaßen wurden chirurgisch präzise entfernt, der „Patient“ dabei am Leben gehalten. Dexter, der die Arbeit des mysteriösen Mörders insgeheim bewundert, nimmt gemeinsam mit seiner Schwester, der Polizistin Deborah, und, ironischerweise, Sergeant Doakes', die Ermittlungen auf ...
Puh, was für ein Buch. Ich bin mir nicht sicher, ob das wirklich für meinen Geisteszustand spricht, aber ich habe einen Großteil der Lektüre lauthals lachend verbracht. Während auf dem Papier Gliedmaßen abgesägt und Menschen gemeuchelt wurden, zog sich bei mir ein dauerhaftes Grinsen ins Gesicht, das wie bei Dexter der dunkle Bruder, nur schwer bis gar nicht abzuschütteln war. Jeff Lindsays Humor als schwarz zu bezeichnen, wäre immer noch zu hell, denn viel zynischer, düsterer und morbiderer als hier, geht es eigentlich nicht mehr. Mit einem Wortwitz der seinesgleichen sucht und einer Gagdichte, die man mit dem Messer schneiden kann, wird von Seite eins an Vollgas gegeben. Selbst friedlichste Pazifisten werden schwerlich ein Schmunzeln zurückhalten können, denn die Figur Dexter Morgan ist, so absurd das klingt, absolut sympathisch. Mit einer fast kindlichen und verwunderten Unbekümmertheit mordet er sich in das Herz des Lesers. Sein Art und Weise Umgebung und Mitmenschen wahrzunehmen, hat etwas zutiefst Unschuldiges. Frei von jeglichen Gefühlen, ob Liebe oder Zorn, ist ihm die Gesellschaft ein unverständliches Rätsel, das es nach und nach zu ergründen gilt. Während sich so zum Beispiel die Ambulanz ob des schrecklichen Anblicks eines verstümmelten Torso im Hinterhof übergibt, sinniert Dexter über die Ausführung das Messerschnitte und plant, aufgrund des grummelnden Magens, bereits das kommende Mittagessen. Wer hier keine Miene verzieht, geht zum Lachen wohl in den Keller.
Nun ist aber „Dunkler Dämon“ ja laut Titelblatt ein Thriller. Also was ist mit der Spannung? Zum Teufel mit der Spannung! Hirn aus und unterhalten lassen. Im Gegensatz zu anderen Vertretern des Genres versucht Lindsay kein verwirrendes Geflecht von Indizien zu konstruieren. Die Handlung ist ziemlich stringent und die Frage nach der Identität des Täters schnell geklärt. Ob dieser gestellt oder gar gefasst wird, ist Dexter und damit letztendlich auch dem Leser, ziemlich gleichgültig. Was an dem Buch fesselt, ist nämlich der gute Dexter selbst, der mit seiner Rolle als Familienmensch, dunklen Gelüsten und dem sinistren Doakes zu kämpfen hat. Um zu wissen, wie das letztendlich alles unter einen Hut gebracht wird, liest man weiter. Und natürlich, weil eine innere, vielleicht auch etwas dunkle Stimme hofft, dass der so ruhige Blutspezialist am Ende mal so richtig von der Kette gelassen wird.
Insgesamt ist „Dunkler Dämon“ eine äußerst gelungene, verdammt lustige Fortsetzung, welche den Vorgänger meines Erachtens um Längen toppt und die mir ein paar sehr unterhaltsame Stunden spendiert hat. Eine absolute Empfehlung für alle diejenigen, welche nach Laymons Pseudo-Splatter-Orgien mal eine blutige Geschichte auf sprachlich anspruchsvollerem Niveau geboten bekommen wollen. Ich wetze die Messer und freue mich auf Band 3!