Eins, zwei, drei. Letzte Chance – vorbei. Bereits seit „Der faule Henker“ deutete sich, zumindest für diejenigen, welche nicht jedes Werk ihres Lieblingsautors mit der rosaroten Fanbrille sehen, ein eindeutiger Abwärtstrend der Reihe um Lincoln Rhyme und Amelia Sachs an. Von der Brillanz und Spannung der ersten vier Bände ist nur noch ein kleines Häuflein übrig geblieben, das wiederum in den arg konstruierten, stets nach dem selben Strickmuster konzipierten Werken, überhaupt nicht mehr zur Entfaltung kommt. Jeffery Deaver scheint mittlerweile nur noch strikt nach Schablone zu schreiben. Und in so eine, das weiß man seit den frühen Tagen in der Schule, passt halt immer nur dasselbe rein. Kein Wunder also, dass auch „Der gehetzte Uhrmacher“ den negativen Kurs nicht abwenden kann, sondern vielmehr eine weitere Enttäuschung für den eingefleischten Deaver-Anhänger darstellt. Dabei beginnt dieser Roman durchaus viel versprechend:
Nach den Ermittlungen in der Sache Thompson Boyd ist für das erfolgreiche Ermittlerpaar Lincoln Rhyme und Amelia Sachs die Ruhe nur von kurzer Dauer, denn während Letztere in ihrem ersten eigenen Fall auf eine Gruppe korrupter New Yorker Cops stößt, wird der querschnittsgelähmte Meisterkriminalist mit einem neuen gewitzten Serienmörder konfrontiert, der sich selbst „Der Uhrmacher“ nennt. Rhyme findet schnell heraus, dass der Name gut gewählt ist, denn sein augenscheinlich absolut gleichwertiger Gegner mordet mit der Präzision eines Uhrwerks und hinterlässt – zum großen Verdruss des Spurensicherungsteams – keinerlei Indizien oder Spuren am Schauplatz der ungewöhnlichen Mordtaten. Das sind dieses Mal ein abgelegenes Pier am Ufer des Hudson River und eine Seitengasse unweit des Broadway. Das einzige Detail, welches beide Tatorte verbindet, ist eine zurückgelassene Uhr. Offenbar sollte sie jeweils den Opfern ihre letzten Minuten anzeigen, während sie voll Verzweiflung gegen ihren eigenen unvermeidlichen Tod kämpften. Rhyme ist fest entschlossen den grausamen Mörder dingfest zu machen.
Währenddessen stößt Amelia Sachs mit Grünschnabel-Polizist Ron Pulaski auf ein Netz voller Verrat und Intrigen, das zudem einige bittere Details aus der Vergangenheit ihrer eigenen Familie zutage fördert. Desillusioniert spielt Sachs mit dem Gedanken, der Polizei den Rücken zu kehren. Eine Entscheidung, die nicht nur ihre Karriere, sondern vielleicht auch ihre Beziehung zu Rhyme beenden könnte … Als man sich in beiden Fällen schon in einer Sackgasse glaubt, taucht unerwartet Hilfe auf. Kathryn Dance, eine Verhörspezialistin aus Kalifornien, welche anhand der Körpersprache der Verdächtigen schon bereits den ein oder anderen Lügner gestellt hat, bringt Trotz Lincoln Rhymes Skepsis die Ermittlungen auf die richtige Spur …
Jeffery Deaver ist mit „Der gehetzte Uhrmacher“ das „gelungen“, was ihm bereits Autoren wie Patricia Cornwell „erfolgreich“ vorgemacht haben: Er hat seine eigene Reihe aber mal so richtig gegen die Wand gefahren und einst durchaus sympathische, interessante Charaktere zu stereotypen Wachsfiguren degradiert. Da ist allen voran Lincoln Rhyme zu nennen, dessen überragender Intellekt zwar allenthalben immer noch gelobt wird, aber innerhalb der Ermittlungen eigentlich gar nicht mehr zu Anwendung kommt. Sein Zorn, der ehemals seinen Ursprung in seiner gesundheitlichen Lage hatte, ist zum Selbstzweck verkommen. Wo er früher mit dem Leben gehadert, sich Gedanken um Selbstmord gemacht hat, trainiert er nun wie besessenen seinen sportlichen Körper. Sollte Rhyme eines Tages Amelias Camaro eigenhändig durch New Yorks Straßen lenken, um das UN-Gebäude vor einer Atombombe zu bewahren – ich wäre nicht mehr überrascht. Sachs selbst poliert weiterhin kräftig am Image der Vorzeigepolizistin, welche die Waffe schneller zieht als ihr Schatten und aus einem Senfkorn am Boden eine bombensichere Anklage für die Staatsanwaltschaft schmieden kann.
Das klingt etwas übertrieben? Möglich, aber so stellen sich Deavers Figuren in Band 7 der Reihe da. Ob es am schnellen Veröffentlichungspensum liegt oder an äußerst strengen Verlagsverträgen – Jeffery Deaver scheinen die Ideen ausgegangen zu sein. Eine Tatsache, die er wohl selbst bemerkt hat, denn so ließe sich die Einführung von Kathryn Dance erklären, welche dem nun altbekannten Ermittlerteam frisches Blut verleihen und gleichzeitig noch Werbung für ihre eigene Serie (beginnend mit „Die Menschenleserin“) machen soll. Sternzeichen Fuchs. Blöd nur, dass dieser Versuch äußerst durchsichtig ist und auch Dance in ihrer Perfektion sogleich den Profilerolymp erklettert. Egal wie genial und großartig die Mörder auch immer sind – die Guten sind stets besser. Und da man das vorher bereits weiß, kommt der Plot trotz der tausend eingebauten Wendungen einfach nicht aus dem Quark.
Deavers Versuch den Leser in jedem Kapitel fünfmal aufs Glatteis zu führen, wird zum Bumerang. Hier eine Kurve, da eine Überraschung und noch eine Drehung. Man wird das Gefühl nicht los, als beobachte man einen Jahrmarktbesucher, der in panischer Eile seine Bälle auf Dosen wirft, ohne jedoch davon nur eine einzige zu treffen. Deaver will und will und will – die blöde Spannung springt aber einfach nicht auf den Leser über. Wie auch, sind doch die Ermittler ihren Verfolgern stets fünf Schritte voraus, was die vorherigen Irreführungen dann nicht nur nutzlos, sondern letztlich auch arg nervtötend macht. Und selbst wenn der Mörder schließlich dabei ist seinen Plan endgültig in die Tat umzusetzen, kann man sich sicher sein, dass die vorher im Dunkel tappenden Verfolger bereits anhand irgend eines Details Wind von der Sache bekommen und eine schöne Falle vorbereitet haben. Wie ihnen das gelungen ist, erfährt der Leser dann ein Kapitel später, wo haarklein noch selbst dem Blödesten erklärt wird, wie und warum Rhyme und Anhang da wieder drauf gekommen sind. Und wenn das nicht hilft, gibt es ja immer noch Deavers geliebte Tabellen, die in schöner Regelmäßigkeit den aktuellen Ermittlungsstand zeigen und im weiteren Verlauf des Buches in ihrem Umfang schon fast an die eigentlichen Kapitel heranreichen.
Unter dem Strich bleibt am Ende außer ein paar guten Ansätzen (dazu gehören die durchaus interessanten philosophischen Ansätze von Dance und Sachs) ein für Deaver-Verhältnisse erschreckend schwaches Machwerk, das der Autor völlig unnötig überfrachtet und mit ekelhaften Heldenpathos und Hurra-Patriotismus versetzt hat.
Insgesamt ist „Der gehetzte Uhrmacher“ ein enttäuschendes Werk, dem jegliches Spannungsmoment fehlt und das von der Qualität der ersten Bände weiter entfernt ist denn je. Angesichts der hier zu Tage getretenen Ideenarmut lässt die Ankündigung, dass Deaver das Bond-Franchise mit einem neuen Roman beleben will, Schlimmes befürchten. Nach drei sehr ernüchternden Thrillern aus seiner Feder, werde ich mir jedenfalls in Zukunft keinen neuen Deaver mehr zulegen.