Die verhängnisvolle Metamorphose einer griechischen Geschwisterliebe - „Ex ovo omnia“
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Cal Stephanidis Großmutter ist seine Großcousine. Sein Vater ist der Neffe seiner Mutter und seines Vater. Seine Großeltern waren gleichzeitig Großtante und Großonkel. Seine Eltern sind zugleich Großcousine und Großcousin zweiten Grades. Sein Bruder ist Cousin dritten Grades und er ist unmittelbares Opfer eines familiären Desasters.
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Nein, das ist keine knifflige Denkaufgabe, das ist die Geschichte der Familie Stephanidis. 1922, Smyrna (heute Izmir) brennt, Lefty und Desdemona Stephanidis, ein verwaistes kleinasiatisches griechisches Geschwisterpaar, flieht vor den Türken. Einer demografischen ländlichen Fehlentwicklung geschuldet, haben sich die Beiden bereits vor dieser Flucht im Labyrinth ihrer verwandtschaftlichen Beziehung verirrt. Noch auf dem Weg nach Amerika, legalisieren sie ihre Liebe durch eine Heirat an Bord und schaffen sich neue Biografien. Die neue fremde und wesentlich modernere Welt betreten sie als Eheleute. In Detroit erleben sie amerikanische Zeitgeschichte von der Prohibition, Rezession, den Rassenaufstände bis hin zum wirtschaftlichen Aufschwung. Ihr inzestuöses Geheimnis bewahren und verdrängen sie bis zum bitteren Ende.
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„Doch was die Menschen vergessen, bewahren die Zellen“
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38 Jahre ziehen ins Land, bis die Zellen der übernächsten Generation vom Tabubruch auf dramatische Weise betroffen sind. Enkeltochter Calliope kommt mit einem rezessiven Gen auf Chromosom Nummer fünf als Hermaphrodit zur Welt. 14 Jahre dauert es, bis diese folgenschwere Entwicklung entdeckt wird und Calliope, die mitten in der Adoleszenz steckt, eine Entscheidung über ihr weiteres Leben und die geschlechtliche Ausrichtung zu treffen hat.
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„Meine dreiundzwanzig paarigen Chromosomen haben sich aneinander gekoppelt und verschränkt, drehen ihr Rouletterad als mein papou meiner Mutter die Hand auf den Bauch legt und „Ihr Beiden Glücklichen“ sagt. Zu Regimentern aufgestellt, führen meine Gene die Befehle aus. Alle bis auf zwei, ein Paar Schufte – oder Revolutionäre, je nach Blickwinkel -, die sich auf Chromosom fünf verstecken. Gemeinsam ziehen sie ein Enzym ab, was die Produktion eines bestimmten Hormons stoppt, was mein Leben schwierig macht.“
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2003 lebt Cal Stephanidis, der sich für ein Leben als Mann entschieden hat, in der Stadt der deutschen Einheit, Berlin und reflektiert die Geschichte seiner Familie und die seiner Suche nach der sexuellen Identität. Er lässt seine Leser mit der Entscheidungsfrage über unsere sexuelle Prägung zurück.
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Dieser retrospektive Roman ist eine kleine Kostbarkeit. Wie sein Protagonist ist er „hermaphroditisch“ - geschichtlich, familiär und schelmisch. Der Autor balanciert seine Erzählung äußerst elegant und unangestrengt durch komisch-satirisch, traurig-schicksalhafte und griechisch-mythologische Momente.
Der Perspektivwechsel, der mir in anderen Romanen, häufig sympathiebedingt, zu schaffen macht, war in Middlesex kein Störfaktor, sondern perfekt dosiert. Jede Perspektive, jede Erinnerung, jede Metapher ist menschlich, lebensklug und warmherzig.
„Middlesex“ ist eine familiäre, sozialkritische, symbol - und geschichtsträchtige Immigrantengeschichte mit griechischem Hintergrund. Jeffrey Eugenides ist ein begnadeter Erzähler, dessen Sätze nahezu süchtig machen und nicht mehr loslassen. Bitte, bitte mehr davon!!!!!!!
Von mir gibt es die volle Punktzahl plus für mein persönliches Lieblingsbuch des Jahres 2011.