So etwas wie männliche Intuition scheint es wohl auch zu geben, denn bereits in dem Moment als mir "Die Shakespeare-Morde" als Leseexemplar in die Hand fiel, hatte ich die arge Befürchtung, dass es sich dabei um einen weiteren Vertreter der Wir-schreiben-jetzt-mal-wie-Dan-Brown-Fraktion handeln könnte und mir deshalb nicht zusagen würde. Ganz so war es dann letztendlich nicht, aber Jennifer Lee Carrells Debütwerk scheitert, und das ist eigentlich schade, am Spagat zwischen eigenen Ansprüchen und den engen Gesetzen des Genres.
Selbst lange Zeit Dozentin für Englische und Amerikanische Literatur an der Universität in Harvard, kann man ihr ein enormes Wissen über die Person William Shakespeare nicht absprechen. Und ihre Vorlesungen mögen sogar äußerst unterhaltsam und vom Geist dieses vielleicht größten aller Schriftsteller beseelt gewesen sein. Ihr Thriller, der sich mit den Fragen befasst, ob es Shakespeare wirklich gab bzw. sein Name das Pseudonym einer anderen historischen Persönlichkeit oder gar einen ganzen Gruppe von Autoren war, ist dies leider nicht. Und dabei hätte der Plot durchaus das Potenzial gehabt für schlaflose Nächte zu sorgen. Den Anfang nimmt er im London des Jahres 2004.
Für die junge amerikanische Shakespeare-Expertin Kate Stanley (nicht Kate Shelton, wie fälschlicherweise im Klappentext angegeben), aus dessen Sicht die Geschichte erzählt wird, ist ein Traum in Erfüllung gegangen. Sie darf das erste Mal Theaterregie führen. Und das auch noch im berühmten Globe-Theatre am Themseufer. Mit Feuereifer stürzt sie sich in die Proben zu "Hamlet", um am Abend vor der Premiere schließlich mit aller Macht aus dem siebten Himmel gerissen zu werden: Während sie vergebens auf ihre alte Mentorin Ros Howard wartet, brennt das Globe-Theatre, wie schon einmal im Jahre 1613 am selben Kalendertag, nieder. In den Trümmern wird Ros ermordet aufgefunden. Ihre Hinterlassenschaft befindet sich in einem Kästchen, das sie kurz zuvor Kate als "bedeutende Entdeckung" gegeben hatte. Als diese es öffnet, findet sie nicht nur den ersten Teil eines Shakespeare-Puzzles, das zu einem bisher unbekannten Stück des Dramatikers führen könnte, sondern wird damit auch ungewollt zum Ziel des mysteriösen Mörders. Unterstützung erfährt sie durch Sir Henry Lee und den von Ros angeheuerten Sicherheitsspezialisten Ben Pearl, mit denen sie gemeinsam das Rätsel zu lösen versucht...
Keine Frage: "Die Shakespeare-Morde" beginnt äußerst viel versprechend und hätte Carrell den Stil der ersten fünfzig Seiten beibehalten, es wäre ein Reißer geworden. Spätestens nach diesem äußerst stimmungsvollen, bedrohlichen Anfang flacht der Plot, der ohne Zweifel äußerst intelligent konzipiert worden ist, aber ab. Seite an Seite reihen sich die Shakespeare-Zitate, überschüttet uns die Autorin mit Informationen, welche dem Handlungsaufbau, der zudem noch in mehren Strängen erfolgt, nicht dienlich sind und allerhöchstens absolute Shakespeare-Fanatiker noch bei Stange halten dürfte. Man merkt hier deutlich, dass eine Expertin des Themas die Feder geführt hat und es ist diese Detailverliebtheit, welche der Geschichte das Rückrat bricht. Kompliment an jeden, der hier den Faden zwischen all den Zitaten und Rückblenden nicht verliert, von den Massen an Fakten und Personennamen nicht erschlagen wird. Selbst mit Literaturstudium in der Rückhand brach mir angesichts dieser Informationslawine bald der Schweiß aus. Wer ist jetzt noch mal wer? Wie hängen diese Figuren zusammen? Aus welchem Stück war dieses Zitat jetzt gleich?
Die Spannung ist es natürlich, welche darunter stark leidet. Carrells ausschweifende Erzählungen stoppen immer wieder den Lesefluss und verhindern den Aufbau jeglichen Lesevergnügens. Das Ende gerät schließlich Unpassenderweise äußerst amerikanisch und hätte auch von Hollywood nicht besser (oder schlechter) in Szene gesetzt werden.
Insgesamt ist "Die Shakespeare-Morde" ein bemühtes, aber überfrachtetes Erstlingswerk, das Hardcore-Fans des großen Dramaturgen noch zusagen dürfte, dem Gelegenheitsleser jedoch viel Geduld abfordert und in punkto Spannung nur am Anfang etwas bietet. Da hilft dann auch ein zehnseitiger Anhang zur nachträglichen Erklärung nicht mehr. Chance vertan. Schade eigentlich..