Leser-Rezension zu „Einmal im Leben” von Jhumpa Lahiri
am 12.06.2010
Leben und Lieben zwischen zwei Welten,--Indien und Amerika!
In Cambridge in USA lernten sie sich einst kennen: die Eltern von Kaushik und Hema. Sie kamen aus Indien und schlossen sich in der ungewohnten Fremde gerne zusammen. Kaushiks Vater ist Bauingenieur und Hemas Vater unterrichtet Wirtschaftswissenschaften an der Universität. Es sind gebildete Inder, die sich da an der Ostküste Amerikas angesiedelt haben. Als Kaushiks Familie für einige Jahre nach Bombay ging, verlor sich der Kontakt.
Sieben Jahre später taucht Kaushiks Familie wieder auf und wohnt vorübergehend im Hause von Hemas Eltern. Hema ist verärgert und erbost, dass sie ihr Zimmer an Kaushik abtreten muss. In Wirklichkeit bewundert sie jedoch den großen Jungen, der schon sechzehn Jahre alt ist. Sie ist drei Jahre jünger und traut sich viel weniger zu als er!
Hemas Mutter ist eingeschüchtert und ein wenig neidisch auf die extravagante und konsumorientierte Mutter von Kaushik, die sich alles leisten kann und äußerst anspruchsvoll erscheint. Als wohlbegüterte Tochter einer Anwaltsfamilie aus Kalkutta ist ihr alles im Leben leicht gefallen. Hemas Mutter hingegen kam aus einfachen Verhältnissen und ist in alltäglichen Lebensfragen ängstlich und besorgt.
Was niemand weiß: die Mutter von Kaushik ist krank, sie hat Krebs.
Im ersten Teil der kleinen Erzählung spricht Hema in ihren Gedanken mit Kaushik und gedenkt der glücklichen Tage, die sie im gleichen Hause verbrachten. Die bengalischen Familien mit ihren Traditionen und Lebensformen stehen im Kontrast zum amerikanischen „ way of life“.
In einem zweiten Teil erzählt Kaushik in der Ichform aus seinem Leben. Er studiert in Swarthmore, und sein Vater hat nach dem frühen Tod der Mutter eine indische Witwe mit zwei kleinen Töchtern geheiratet, um sich versorgt zu wissen. Bei dieser Familie kann sich Kaushik nie mehr zu Hause fühlen. Nach dem Studium verbringt er sein Leben heimat- und bindungslos als Fotoreporter in aller Welt.
Ein Zufall führt ihn nach Jahren noch einmal mit Hema zusammen!
Wunderbar feinfühlig und differenziert werden die Gefühle vermittelt, denen sich Kaushik nach dem frühen Tod der Mutter mit einer neuen Familie ausgesetzt sieht. Die althergebrachten Formen der indischen Herkunft und die Neue Welt werden in kontrastreichen Beispielen und Handlungen mit ihren Widersprüchen markiert.
In der Form des Erinnerungsromans werden die Figuren mit den Feinheiten in ihren Beziehungen unterschiedlich nah in den Fokus gerückt. Kaushiks Vater und Mutter fühlten sich in tiefer Liebe eng verbunden. Sie waren westlich orientiert und frönten den gleichen Lebensgewohnheiten und Genussfreuden. Ein vollkommeneres Paar war nicht denkbar. Die Schönheit und die atmosphärisch persönliche Lebensform geben dem Bild der Mutter einen exotischen Anstrich.
Reizvoll und ausdrucksstark sind die vielfarbigen Lebensberichte der Protagonisten.
Einmal im Leben: das sind die Augenblicke, die unvergessen bleiben! Eine Bewegung, ein Duft, der Geruch eines Hauses, eine Geste und die verhaltene und einmalig leidenschaftliche, spät erkannte Liebe zwischen Kaushik und Hema!
Schicksalhaft und dramatisch, abenteuerlich und anspruchsvoll breitet Jhumpa Lahiri ihre Geschichte vor uns aus. Sie zeigt ein großes Erzähltalent, deren Zauber man sich nicht entziehen kann.
Die Autorin, selbst indischer Abstammung, lebt in New York und ist vielfach mit Literaturpreisen ausgezeichnet.

