Der Fledermausmann von Jo Nesbø
✱✱✱✱✱
Zitat: "Ich glaube, ich habe eine Wette verloren und schulde Otto Rechtnagel hundert Dollar", sagte Harry leise, "oder dem, was von ihm noch übrig ist."
✱✱✱✱✱
Inhalt: Harry Hole wird aus Norwegen nach Sydney beordert, um bei der Aufklärung eines brutalen Mordes an einer jungen Norwegerin zu helfen. Unterstützt wird er dabei von einem australischen Polizisten und Aborigine, Andrew Kensington. Während der Ermittlungen, die über die örtliche Schwulenszene, Drogenuntergrund und Boxwettkämpfe führen, bringt Andrew seinem norwegischen Gast Geschichte und Kultur Australiens näher. Doch die freundschaftliche Atmosphäre wird durch einen weiteren Mord getrübt: bald ist klar, dass sie es mit einem Serienmörder zu tun haben, dessen Opfer blonde Mädchen sind. Zunehmend beginnen sich unheilvolle Ahnungen in Harry zu regen. Doch als er die Wahrheit endlich erkennt, scheint es fast schon zu spät zu sein...
✱✱✱✱✱
Bewertung: Das norwegische Debut wurde im Vorfeld bereits viel kommentiert. Vor allem eingefleischte Nesbø-Fans sind von den ersten Bänden rund um den Ex-Alkoholiker und Einzelgänger Harry Hole eher enttäuscht. Die kritischen Stimmen riefen vor allem etwas von mangelnden Splatter-Elementen, fehlender Spannung und grundsätzlichem Übungsbedarf in Sachen Schreibstil. Und tatsächlich: Wer eine blutrünstige Mordgeschichte erwartet wird bei diesem Buch enttäuscht werden. Der Fledermausmann ist viel mehr als ein guter Kriminalroman. Neben der stringenten Kriminalhandlung gewinnt der Leser eingehend Einblick in die Geschichte Australiens, das Leben seiner Einwohner und die problematische Wirklichkeit jenseits der Hochglanzprospekt-Fassade der Tourismusindustrie.
Die Figuren der Handlung haben Tiefgang, eine jeweils eigene Geschichte und Entwicklung mit charakterlichen Schwächen. Sie sind so real gezeichnet, dass sie einem nach der Lektüre teilweise wie zurückgelassene Freunde fehlen. Vor allem der Protagonist Harry Hole ist kein strahlender Held, sondern ein etwas desolater Typ, dessen Handlungen beim Leser nicht immer auf Zustimmung stoßen dürften. Befindet man sich im einen Moment im Urlaubsparadies, wird man im nächsten von einer unerwarteten Katastrophe überrollt. Nesbø schafft es, unheilvolle Ahnungen, rauschende Partys, grausige Mordermittlungen, zarte Freundschafts- und Liebesentwicklungen, sowie menschliche Entgleisungen mit einer großartigen Sprache zu beschreiben, so dass man sich weder entziehen kann noch möchte. Immer mehr gerät der Leser in den Sog rätselhafter Ereignisse, welcher die Grenzen mythologischer Sagenwelt und brutaler Realität zunehmend verschwimmen lässt. Die Rahmenhandlung der Mordermittlung tritt zwar an etwaigen Stellen in den Hintergrund. Dies stört aber in keinem Fall den Lesefluss. Die Geschichte bleibt zu jeder Zeit fesselnd, was zum Einen dem besagten grandiosen Sprachtalent des Autors, als auch der interessanten Figuren zu verdanken ist. Mit übertriebener Grausamkeit oder detaillierten Tötungsvorgängen à la Mr. McFadyen wartet dieser Roman tatsächlich nicht auf. Unschuldig wie Miss Marple-Mordfälle sind die Szenen allerdings ebenso wenig. In Sachen Brutalität ist Der Fledermausmann durchschnittlich.
✱✱✱✱✱
Fazit: Dieser Roman ist so vielschichtig und dabei auf allen Ebenen so gut konstruiert, dass man kaum gewillt ist, dieses Konglomerat aus Poesie, Urlaubslektüre, Kriminalgeschichte, Reiseführer und ethnographischer Studie zu analysieren. Stattdessen möchte man es einfach wie einen guten Cocktail auf sich wirken lassen. Nesbø versteht es, seine Handlung in einem ebenso gefühlvollen wie prägnanten Stil zu verweben, so dass sich der Leser auf eine mitreißende Reise menschlicher Abgründe begibt. Ein ironischer Unterton und viele Einblicke in die australische Kultur machen die Kriminalgeschichte zu einem intelligenten Lesevergnügen. Wer eine Abneigung gegen skandinavische Melancholie, geschichtliche Abhandlungen, Alkoholismus oder intensive Charakterzeichung hat, der sollte lieber zu einem späteren Werk des Autors greifen. Wer Whisky möchte, sollte eben nicht zum Cocktail greifen.
✱✱✱✱✱
Info: Der Fledermausmann ist das Debut der Harry Hole-Serie, die mittlerweile aus 9 Bänden besteht. Die deutschen Titel (erschienen bei Ullstein) in chronologischer Reihenfolge lauten Der Fledermausmann, Kakerlaken, Rotkehlchen, Die Fährte, Das fünfte Zeichen, Der Erlöser, Schneemann, Leopard und Die Larve. Für den Fledermaumann bekam der Autor zwei bedeutende skandinavische Literaturpreise: den Riverton-Preis (1997) und den Skandinavischen Krimipreis (1998).
Übrigens wird das "e" in Harrys Nachmahmen auf norwegisch wie ein deutsches "i" ausgesprochen, weswegen er in Australien als "Mr. Holy" angesprochen wird und Mitmenschen korrigiert, die ihn mit dem englischen "Hole" (also "Loch") anreden.
✱✱✱✱✱
Daten:
Taschenbuch: 414 Seiten
Verlag: Ullstein Taschenbuch (1. Februar 2002)
Sprache: Deutsch
Originalsprache: Norwegisch (Originaltitel: Fledermausmannen, 1997)
ISBN-10: 3548253644
ISBN-13: 978-3548253640
Größe: 18,8 x 12 x 2,2 cm