Leser-Rezension zu „Denk an mich in der Nacht” von Joanne Harris
am 30.01.2010
Erinnerungen
„Etwas in mir erinnert sich und wird nicht vergessen“ (Grabstein Rosemary Virginia Ashley)
Wer in „Denk an mich in der Nacht“ einen 08-15-Vampirroman vermutet, wird wahrscheinlich enttäuscht sein. Dieses Buch ist der Erstling des Autorin Joanne Harris – und ich finde, man merkt ihm an, das er 20 Jahre in der Schublade geschlummert hat, was ich durchaus positiv sehe, denn er hebt sich sehr erfrischend von der Masse der Urban-Fantasy-Romane ab. Streng genommen handelt es sich noch nicht mal um einen Vampirroman, aber mangels eines richtigen Wortes für diese Kreaturen würde ich sie durchaus als solche bezeichnen. Erzählt werden zwei Geschichten, eine in der Vergangenheit und eine in der Gegenwart, die die Autorin am Ende geschickt miteinander verstrickt. Im Jahr 1947 macht der junge Student Daniel die Bekanntschaft der schönen Rosemary – er rettet sie aus dem Fluß. Er verliebt sie in die mysteriöse Schönheit, doch sie fühlt sich mehr von seinem besten Freund Robert angezogen. Getrieben von Liebe und Eifersucht spioniert er hinter Rosemary her – mit überraschendem Ergebnis. Szenenwechsel: Gegenwart. Die junge Malerin Alice ist seit längerem von Joe getrennt, als er sich unerwartet bei ihr meldet: er sucht eine Bleibe für seine Freundin Ginny, die aus einer Nervenheilanstalt entlassen wird und nicht weiß, wo sie unter kommen kann. Bald kommt ihr einiges an dem Mädchen und ihren Freunden merkwürdig vor, und sie beginnt, ihr nach zu spionieren.
Der Handlungsstrang aus dem Jahr 1947 wird in Tagebuchform von Daniel erzählt, die Gegenwart aus der Erzählperspektive. Geschickt vermischt die Autorin Vergangenheit und Gegenwart zu einem spannenden Roman. Die Idee gefällt mir sehr gut, das Buch lässt sich flüssig lesen, auch wenn es manchmal einige Längen aufweist – die Autorin beschreibt viele Szenen ausführlich, lässt sich aber manchmal zum Schwafeln verleiten. Die Figuren sind sehr interessant, wenn auch manchmal etwas oberflächlich beschrieben, so hätte man beispielsweise aus Alice wesentlich mehr Charakterzüge heraus holen können. Und auch die Liebesbeziehungen wirken eher langweilig als leidenschaftlich, was manche Aktionen der Hauptakteure etwas unglaubwürdig erscheinen lässt. Sehr gut hat mir gefallen, das die Vampir ähnlichen Kreaturen diesmal nicht die großen, strahlenden Helden waren, sondern eindeutig die Bad Guys der Geschichte. Grundsätzlich ist „Denk an mich in der Nacht“ kein schlechter Roman – die Idee ist wirklich gut und passt sich nicht den gängigen Vampirromanen an, er wirkt nur manchmal etwas unausgereift und hakelig. Bedenkenlos weiter empfehlen würde ich ihn nicht – für Freunde ungewöhnlicher Fantasy-Romane eine gute Alternative für zwischendurch, aber sich kein Must have.

