DIE GESCHICHTE...
Jacob Hunt ist anders als Gleichaltrige: Der 18-jährige leidet am Asperger-Syndrom, einer Form von Autismus, bei der ein fester Tagesablauf ohne Überraschungen unerlässlich ist. Er hasst Orange, jeder Wochentag steht im Zeichen einer anderen Farbe (so gibt es an jedem Tag z.B. nur gelbe, rote oder blaue Lebensmittel und Klamotten) und sein allerliebstes Hobby ist Forensik. Unter seiner Krankheit leiden auch seine Mutter Emma und der jüngere Bruder Theo, denn sollte es zu einer Abweichung seines Tagesplans kommen, flippt Jacob komplett aus oder zieht sich vollkommen zurück. Um den sozialen Umgang zu lernen, bekommt er Unterricht von seiner Tutorin, der Studentin Jess. Obwohl Jacob keine menschlichen Emotionen deuten kann und alles wörtlich nimmt, hat er seine Sozialtherapeutin in sein Herz geschlossen. Und als Jess plötzlich spurlos verschwindet, gerät Jacob unter Verdacht - denn er war angeblich der Letzte, der die Studentin lebend gesehen hat. Außerdem hat sich der Schüler ein großes Fachwissen an Kriminaltechnik durch seine Lieblingssendung "CrimeBusters" angeeignet und ist auch schon öfters an Tatorten aufgetaucht. Für Inspector Rich Matson ist der Fall klar: Jacob hat etwas mit Jess Verschwinden zu tun...
MEINE MEINUNG:
Seit "Beim Leben meiner Schwester" bin ich ein großer Fan der Jodi Picoult-Romane. Wie so oft in Picoults Romanen geht es auch hier um eine Familie, die eine große Bürde in Form einer besonderen Krankheit zu tragen hat und diese bemerkenswert meistert. Den Handlungsschauplatz hat die Autorin in die Kleinstadt Townsend, Vermont verlegt.
Der 18-jährige Jacob Hunt ist am Asperger-Syndrom erkrankt und rastet aus, wenn etwas nicht seiner gewohnten Ordnung entspricht. Wegen seiner Krankheit genießt der dunkelhaarige Schüler in der Schule Sonderprivilegien, nimmt alles wortwörtlich und ist zudem sehr ordentlich. Jacob liebt alles, was mit Forensik zu tun hat und stellt daheim Tatortszenen nach. Täglich sieht er sich pünktlich um 16.30 Uhr seine Lieblings-Fernsehsendung "CrimeBusters" an, auch wenn er alle Folgen schon unzählige Male gesehen hat. Sein 3 Jahre jüngerer Bruder Theo Hunt leidet unter der Krankheit seines Bruders, da er in der Schule nur als Bruder des "Spastis" bekannt ist und zu Hause immer Jacob an erster Stelle steht. Mit seinen blonden Haaren, dem chaotischen Zimmer und der Liebe zu seinem Skateboard ist Theo das Gegenteil seines Bruders. Emma Hunt, die Mutter von Jacob und Theo, ist schon seit vielen Jahren alleinerziehende Mutter und möchte nur das Beste für ihre Söhne, auch wenn das nicht immer ganz leicht ist. Die 40-jährige arbeitet als Kummerkastentante bei der Burlington Free Press und ist sich selbst nicht ganz sicher, ob Jacob etwas mit Verschwinden seiner Sozialtherapeutin, der 23-jährigen Jess Ogilvy zu tun hat... So engagiert sie einen Anwalt, den 28-jährigen Oliver Bond, der Jacobs Unschuld beweisen soll - dagegen ist Inspector Rich Matson von Jacobs Schuld vollkommen überzeugt...
Die mitwirkenden Protagonisten sind vielschichtige, interessante Persönlichkeiten, die mit ihren Ecken & Kanten überzeugen. Jacob ist wohl der reizvollste Charakter, denn man weiß bei ihm nie, woran man ist oder wie er im nächsten Augenblick reagieren wird. "In den Augen der anderen" beschäftigt sich mit dem Asperger-Syndrom bzw. wie sich diese Krankheit auf Jacob und seine Familie auswirkt. Während des Lesens bekommt man das Gefühl, dass die Autorin zu diesem Thema sehr ausführlich recherchiert hat und ihre Ergebnisse für Laien wie mich verständlich beschrieben hat.
"In den Augen der anderen" beginnt richtig fesselnd, doch spätestens im letzten Drittel lässt die Handlung, trotz einiger Irrwege und ungeahnter Wendungen, deutlich an Spannung nach. Natürlich will man wissen, ob bzw. wie die Schuldfrage geklärt wird und so muss man fast wie unter Zwang weiterlesen, auch wenn es einen die detaillierten Beschreibungen sowie die häufigen Wiederholungen mit der Zeit gewaltig nerven... Die rasanten Geschehnisse werden aus der Sicht verschiedener Ich-Erzähler geschildert. Neben Emma, Theo und Jacob Hunt berichten auch der Anwalt Oliver Bond sowie der Ermittler Rich Matson über die Ereignisse aus ihrer eigenen Warte. So erhalten wir einen tiefen Einblick in die Gefühls- und Gedankenwelt des jeweiligen Erzählers und können ihre Handlungen bzw. Taten durchwegs nachvollziehen, auch wenn die Begebenheiten teilweise viel zu ausführlich geschildert wurden. Der Schreibstil präsentiert sich emotional & sensibel zugleich und hätte Jodi Picoult die knapp 690 Seiten ein wenig gekürzt, würde meine Bewertung besser ausfallen. ;-)
FAZIT:
Jodi Picoult hat erneut ein außergewöhnliches Thema aufgegriffen und das Asperger-Syndrom in einen spannenden Roman verpackt. Leider birgt "In den Augen der anderen" neben einem interessanten Plot, hervorragend ausgearbeiteten Protagonisten und einem gefühlsbetonten, bildhaften Schreibstil auch viele Längen bzw. überflüssige Passagen. Dafür vergebe ich ergreifende 3 1/2 STERNE.