Leser-Rezension zu „Freaks” von Joey Goebel
am 28.07.2009
„Ich muß den Rock ins Rollen bringen, um diesen Alptraum namens Alltag abzuschütteln.“
************
Was können eine 80 jährige, hypersexuelle Frau; eine 8 jährige, frühreife, hochbegabte, verhaltensgestörte Göre; eine pubertierende, satanistisch veranlagte Stripperin, die hin und wieder im Rollstuhl sitzt; ein kauderwelschender Iraker, der auf der Suche nach einem amerikanischen Soldaten ist, den er im Golfkrieg angeschossen hat und ein stets in intellektuelle Selbstgespräche verwickelter Afroamerikaner mit riesiger, lächerlicher Frisur gemeinsam haben? In Joey Goebels Roman eint sie ihr Verständnis für ihr Anderssein, ihre Sehnsucht nach einer Gemeinschaft und ihre Liebe zur Musik. Sie gründen die wohl ungewöhnlichste und am kürzesten bestehende Power-Pop-New-Wave-Heavy-Metal-Punk-Rock Band, die die Welt je gesehen hat.
Der Roman ist in zahlreiche Perspektiven strukturiert. Die fünf Protagonisten erzählen abwechselnd von- und übereinander, daneben kommen zahlreiche „Normalos“, im Buch auch von einem der fünf Protagonisten als „Humanoide“ bezeichnet, zu Wort, die der jeweiligen Situation beiwohnten und ihre Sicht schildern.
Fast schämt sich der Leser ein wenig, dass er sich mehr auf der Seite der Humanoiden, als auf der der Freaks, einsortieren würde.
„Diese primitiven Repräsentanten der zufriedenen Massen, die devoten Sich- mit weniger-Zufriedengeber, beschreiten weiterhin den geraden, von ihren Ahnen vorgezeichneten Weg. Sie wursteln sich durch, statt nach Höherem zu streben, sie müssen sich nach der Decke strecken, um die menschlichen Grundbedürfnisse zu befriedigen. Sie lieben und hassen nach gesellschaftlich vorgefertigten Mustern, wie sie in ihrem Land und durch ihre körperliche Existenz vorgegeben werden. Sie, machen, kommen und gehen auf die schlichteste Weise, sie konkurrieren, statt zu kreieren. Sie leben gleich, benehmen sich gleich, tanzen gleichförmig zu dem gleichen Lied, weil das immer Gleiche ihnen so leichtfällt und ihnen so natürlich vorkommt, wie Sauerstoff einzuatmen, die Brust zu geben, wie von links nach rechts zu lesen.“
„Freaks“ ist eine Hymne auf die Andersartigkeit und ein respektloser, provokativer Abgesang auf die Gleichartigkeit, Mittelmäßigkeit und die Existenz aus Gewohnheit, eine Aufforderung eingetretene Pfade zu verlassen und neue Wege zu gehen!
Ich mag schräge Geschichten mit Botschaften, diese erschien mir jedoch ein wenig überfrachtet. Nach meinem Geschmack – zu viel Skurrilität, zu viel Ironie, zu viel Provokation und zu viel „Schwarz- Weiß“.
Ziehe ich den Vergleich zu „Vincent“, muss ich leider schreiben, dass ich ein wenig enttäuscht war.

