Berechtigte Medienkritik oder nur Klischee?
Ohne Leid keine große Kunst, ohne Liebe und Glück die Möglichkeit, die Welt der Unterhaltung neu zu erfinden. Davon geht Foster Lipowitz, ein überaus mächtiger, mittlerweile an Krebs erkrankter Medienmogul, aus. Er ruft, dem nahenden Tod ins Auge blickend, New Renaissance, eine Akademie für künstlerisch hochbegabte Kinder, ins Leben. Diese Eliteerziehungsanstalt soll den Lipowitzschen Grundsatz, dass ohne persönliches Unglück keine hochwertige Kunst und Kultur geschaffen werden könne, praktisch und pädagogisch umsetzen.
Harlan Eiffler, ein ehemaliger erfolgloser Musiker, ist einer der so genannten Manager von New Renaissance. Er soll Vincent, einen sensiblen, introvertierten, aber künstlerisch hochbegabten Jungen aus katastrophalen Familienverhältnissen betreuen. Eiffler muss dafür sorgen, dass dem Jungen genügend Leid widerfährt, was ihm auch über viele Jahre hinweg gelingt: Er tötet dessen Hund, brennt das Haus von Vincents Mutter nieder und sabotiert jede Art von sozialen Kontakten inklusive aufkeimender Liebesbeziehungen. Tatsächlich zeigt Vincent die erwünschte Reaktion: auf jedes ihm neu zugefügte Unglück wird er künstlerisch kreativ und schreibt mit wachsendem Erfolg Songtexte und Drehbücher für TV-Serien. Bis eines Tages die Wahrheit ans Licht kommt und mit ihr die Notwendigkeit, das eigene Leben und Weltbild zu hinterfragen…
Goebels Roman „Vincent“ ist flüssig, humorvoll und lebendig geschrieben. Dank einer Vielzahl an Dialogen, in denen insbesondere die Umgangssprache etwa der Mutter Vincents oder des Sängers Chad widergegeben wird, erhält man als Leser den Eindruck von Realitätsnähe.
Die Romanfiguren erscheinen jedoch oft schablonenhaft und klischeebeladen. Drew Prormps etwa, Marketingchef bei New Renaissance, ist homosexuell, promiskuitiv und stirbt – wie kann es anders sein – an Aids. Harlan Eiffler macht zwar alles an schmutziger Arbeit, was man von ihm verlangt, hat aber immer noch genügend Anstand, es nicht bis zum Äußersten zu treiben. So lehnt er es ab, Vincent physische Gewalt in Form eines angeheuerten Schlägers anzutun. Zum Ende des Romans hin wird der Leser Zeuge von Harlans Zerrissenheit zwischen schlechtem Gewissen und nüchternem Pflichtbewusstsein. Das lässt die Harlan-Eiffler-Figur zeitweise konstruiert und leblos wirken.
Goebels Roman hat aber auch eine starke Seite: die gesellschafts- und medienkritische nämlich. Indem der Autor die (US-)Unterhaltungsbranche schonungslos in ihrer Grausamkeit, Brutalität und Verlogenheit darstellt, schafft er es, einen Anreiz zum Nachdenken zu schaffen. Wir Rezipienten von Unterhaltungskunst sehen nämlich oft nur bis vor den Bildschirm, die Kinoleinwand oder das Radiogerät. Was aber hinter der Fassade von Glück, Schönheit, Reichtum und Macht steckt, das bleibt uns meist verborgen. Goebels „Vincent“ hat durchaus das Zeug dazu, Wachsamkeit in Bezug auf Medien zu erzeugen sowie den Wunsch nach mehr Ehrlichkeit bei Medienvertretern.
Insgesamt ein humorvoller, medien- und gesellschaftskritischer Roman mit einigen Schwächen (Figurendarstellung).