Als ich die Leseprobe zu diesem Buch gelesen habe, wusste ich weder, dass dieser Autor bereits zwei Bücher geschrieben hat noch, dass diese so sagenhaft erfolgreich waren und Johan Theorin bereits ein großer Name unter den Krimiautoren geworden ist.
Nachdem ich nun das ganze Buch gelesen habe, kann ich sagen - ich kann verstehen, was die Menschen an Theorins Büchern fasziniert: Die Tatsache, dass der Autor nicht auf bloße Schilderung von Gewalt baut, sondern Spannung auch ohne zahllose grauenhafte Morde aufzubauen vermag, ist eine willkommene Abwechslung.
Wenn man auch zu Beginn befürchten mag, dass auch dieses Buch einem altbekannten Schema folgt, so kann man bald aufatmen und feststellen, dass dem nicht so ist. Zwar ist das Einstiegskapitel wie so oft erschreckend, spannend und schockierend, um dann etwas ruhiger zu werden und einen langsam mit den Charakteren vertraut zu machen. Dann jedoch läuft es nicht wie altbekannt weiter. In den meisten Büchern findet man nun bis zum Ende hin immer wieder hier und da einen bestialischen Mord, natürlich darf auch eine nervenaufreibende Verfolgungsjagd nicht fehlen. Nicht so bei Johan Theorins „Blutstein“. Stattdessen scheint der Autor darauf zu bauen, dass Gewalt eben nicht alles ist, dass auch glaubwürdige Charaktere und eine innovative Geschichte den Leser fesseln können. Endlich hat man bei der Lektüre eine Krimis oder eines Thrillers mal wieder nicht das Gefühl, dass der Autor sich nur in einen Wettkampf mit anderen Schriftstellern befindet, wem denn wohl die größeren Grausamkeiten einfallen. Theorin schreibt nicht nach dem Grundsatz „Was ihr könnt, kann ich schon lange“, sondern vielmehr nach folgendem: „Ich kann etwas, das ihr nicht könnt.“
Und das kann er tatsächlich. Mit der Verbindung dieser Geschichte in unserer Welt mit den nahezu fantastischen Elementen aus der Mythenwelt Ölands, den Trollen und Elfen, schafft Theorin etwas gänzlich Neues. Der Autor, der selbst die Sommer immer auf Öland verbringt, verwebt geschickt dass Wissen um die Legenden aus dieser Gegend, die er im wahren Leben kennengelernt hat, mit der von ihm erdachten Geschichte und zieht einen dadurch so in seinen Bann, dass man selbst manchmal nicht mehr zu wissen glaubt, welche Dinge in diesem Buch nur dem Zufall zuzuschreiben sind und was nicht vielleicht doch durch die Kraft der Elfen bewirkt wurde. Diese Verbindung von erfundener Geschichte und tatsächlich existierenden Mythen lässt die Geschichte glaubwürdig erscheinen.
Was außerdem zu dieser Glaubwürdigkeit beiträgt, ist die Diversität der Charaktere, die durch ihre vielschichtigen Eigenschaften glaubhaft wirken. Da haben wir zum einen Per Mörner, die Hauptfigur des Buches. Er ist so lebendig gezeichnet, dass man glauben könnte, dass es ihn wirklich so gibt. Er ist Familienvater, der in Scheidung lebt und dessen Kinder das Wichtigste für ihn sind. Seine Tochter ist schwerkrank im Krankenhaus – seinen Hin- und Hergerissenheit ob der Tatsache, dass er zu einen natürlich immer nur an seine Tochter denkt und am liebsten rund um die Uhr für sie da wäre, auf der anderen Seite aber Angst hat, zu ihr zu fahren und schlecht Neuigkeiten zu erhalten, kennen wohl einige von uns. Auch seinem Vater gegenüber befindet er sich in einem Zwiespalt. Zwar hat es zwischen ihnen beiden nie viel Kontakt gegeben und Per und sein Vater haben sich nicht verstanden – dennoch ist sein Vater für ihn wichtig und er liebt ihn dennoch. Als sein Vater schließlich in Schwierigkeiten steckt, kann Per nicht anders, als sich um ihn zu kümmern. Mitunter benutzt er nun seinen Vater als Ausflucht, um Besuche bei seiner Tochter zu verkürzen oder um Gespräche mit ihrem Arzt zu vermeiden. Ich finde es überaus realistisch, dass ein Mensch sich Mittel sucht, um unangenehmen und beängstigenden Situationen aus dem Weg zu gehen – ich bin froh, dass dieser Charakter es auch tut und kein Held ist, der sich alles traut und keine Ängste kennt.
Auch sehr interessant finde ich den Charakter des Gerlof. Durch ihn haben wir die Möglichkeit, Teile der Handlung durch die Augen eines alten Mannes zu sehen, der sein ganzes Leben auf der Insel verbracht hat – und der auch einiges über die Mythen von dort weiß. Er ist ein netter alter Herr, der trotz seiner Gebrechlichkeiten ein großes Herz und eine Prise Humor besitzt – ich habe ihn sofort in mein Herz geschlossen.
Auch nicht vergessen zu erwähnen darf man Vendela, eine frühere Bewohnerin von Öland, die nun nach vielen Jahren auf die Insel zurückgekehrt ist und sich wieder ihrem Glauben an die Elfen hingibt – und damit viele Probleme anzettelt.
Sollte man meinen, eine Geschichte mit Mythen und guten Charakteren ist doch schon mehr, als man sich erhoffen kann, der darf sich freuen, denn es kommt noch besser. Auch die Kriminalgeschichte, um die es geht, hat Johan Theorin nicht einfach so dahinplätschern lassen, sondern mit einem brisanten Thema unterbaut, das man nur selten als Aufhänger für ein Buch findet: Es geht um die Porno-Industrie in Schweden und um damit zusammenhängende illegale Machenschaften. Hier merkt man nicht nur, dass Theorin keine Angst hat, auch Tabuthemen anzusprechen – noch dazu zeigt er, dass er gut recherchiert hat.
Abschließend kann man sagen, dass bei „Blutstein“ wirklich für jeden etwas dabei ist. Wer viel Gewalt und Brutalität erwartet, der wird bei diesem Buch schwer enttäuscht sein. Wer allerdings eine gut recherchierte, vielseitige und innovative Geschichte mit liebenswerten Charakteren zu schätzen weiß, für den ist dieses Buch ein Genuss.