Rezension verfasst vor 1 Jahr
(12)
Die essentiellen Sinnfragen des Menschen als ewiger Kampf zwischen Gut und Böse, Altruismus und Egoismus, Gier und Mäßigung, Vernunft und Trieb, ausgetragen auf dem Schlachtfeld der von Zweifel und Leere gepeinigten Seele, die an der scheinbaren Unmöglichkeit der Auslebung der gedanklichen Höhen auf materieller Ebene verzweifelt.
-
(Studierzimmer 2)
FAUST
"Der Gott, der mir im Busen wohnt,
Kann tief mein Innerstes erregen;
Der über allen meinen Kräften thront,
Er kann nach außen nichts bewegen;
Und so ist mir das Leben eine Last,
Der Tod erwünscht, das Leben mir verhasst."
-
"Faust" ist der auf Papier gebannte Größenwahnsinn Goethes und damit ein kaum Grenzen kennendes, existenzielles Meisterwerk, in dem man immer wieder auf Zeilen stößt, in denen man sich selbst wiederfindet, in seiner Leidenschaft, seiner Schwäche, seiner Neugier und seinem Zwiespalt.
-
(Der Walpurgisnachtstraum)
DOGMATIKER
"Ich lasse mich nicht irre schrein,
Nicht durch Kritik noch Zweifel.
Der Teufel muss doch etwas sein;
Wie gäb's denn sonst auch Teufel?"
-
IDEALIST
"Die Fantasie in meinem Sinn
Ist diesmal gar zu herrisch.
Fürwahr, wenn ich das alles bin,
So bin ich heute närrisch."
-
REALIST
"Das Wesen ist mir recht zur Qual
Und muss mich bass verdrießen;
Ich stehe hier zum ersten Mal
Nicht fest auf meinen Füßen."
-
SUPERNATURALIST
"Mit viel Vergnügen bin ich da
Und freue mich mit diesen;
Denn von den Teufeln kann ich ja
Auf gute Geister schließen."
-
SKEPTIKER
"Sie gehn den Flämmchen auf der Spur,
Und glaubn sich nah dem Schatze.
Auf Teufel reimt sich Zweifel nur;
Da bin ich recht am Platze."
-
Bevor die Bedeutungsebene jedoch einem greifbaren Substanz entfliehen kann, wird sie vom Autor in eine emotional klug durchkomponierte Genreerzählung um dunkle Mächte und bedingungslose Leidenschaft eingebettet, die zwar zum Ende hin in ihrer Grundstruktur nicht ganz die überwältigende Wucht des Anfangs erreicht, als ein fatalistischer "Fortsetzung folgt!"-Paukenschlag aber seinen Zweck letztendlich erfüllen kann. "Faust" ist wahre Pfilchtlektüre, stellt es doch in der absolutesten Betrachtung nicht bloß die Geschichte EINES Menschen dar, sondern die Geschichte DES Menschen. Und so stellt sich am Ende die Frage, ob man wirklich so viel darüber schreiben oder lesen müsste, wo man die Zeit doch weitaus besser damit nutzen kann, das Buch selbst (wieder) in die Hand zu nehmen.
-
(Trüber Tag)
MEPHISTOPHELES
"Nun sind wir schon wieder an der grenze unseres Witzes, da wo euch Menschen der Sinn überschnappt. Warum machst du Gemeinschaft mit uns, wenn du sie nicht durchführen kannst? Willst fliegen und bist vorm Schwindel nicht sicher? Drangen wir uns dir auf oder du dich uns?"
0 Kommentare